Klassik Der Schrei des Kapauns

Mit Enrico Carusos Platten beginnt 1905 der Aufstieg der Opern-Schallplatte. Foto: Archiv

Von Carusos ersten Platten bis zu Rolando Villazóns Stimmkrise: Der Gesangs-Conaisseur Jürgen Kesting hat sein Werk "Die grossen Sänger" überarbeitet und um einen Band bis zur Gegenwart erweitert.

 

Seitdem gesungen wird, ertönt als Kontrapunkt das Lamento vom Verfall dieser Kunst. Früher, als die Spatzen noch Wickelgamaschen trugen, hatte jedes Theater einen Heldentenor. Und die musikalische Opern-Hauptsache wurde noch von vorwitzigen Regisseuren und eitlen Pult-Diktatoren zur Nebensache degradiert. So klingt die Mär der Erinnerung.

Auch Jürgen Kestings Werk "Die grossen Sänger" ist diese melancholische Verklärung der Vergangenheit nicht fremd. Er preist den Belcanto-Stil von Mattia Battistini, der Verdi in freiem Tempo und nicht notierten Verzierungen sang. Sein Ideal, der einzige "vollkommene Sänger", ist der Franzose Pol Plancon, ein 1914 verstorbener Bass der "Goldenen Ära", dessen Kunst knisterndes Schellack übermittelte. Trotz harscher Urteile über Dietrich Fischer-Dieskaus Wort-Pedanterie, Rene Kollos waberndes Heldengeschrei und Placido Domingos Allerweltsgesang wurden die drei 1986 erschienenen Bände zum Standardwerk.

Die Neuausgabe ist um ein Drittel erweitert

Auch wer sich über Kesting ärgert, kommt an seiner Kennerschaft schlecht vorbei. In Antiquariaten waren "Die grossen Sänger" eine teuer gehandelte Rarität. Deshalb ist es ein Glücksfall, dass sich der Autor zu einer überarbeiteten und um ein Drittel erweiterten Neuausgabe entschloss. In nun vier Bänden erzählt er in Einzelporträts die Geschichte des Gesangs von Carusos ersten Platten bis zur Stimmkrise von Rolando Villazón.

Nur der rein gebildetet Ton ist schön

Die klassische Belcanto-Tradition setzt Massstäbe: Nur ein rein gebildeter Ton ist schön, wobei Kestings Begriff von Schönheit auch die Angemessenheit und Richtigkeit im Sinn der dramatischen Darstellung einschliesst. Die groben Nachahmer Carusos verurteilt der gestrenge Klassizist ebenso wie die Reformen des Dirigenten Arturo Toscanini, der im Zeichen der Neuen Sachlichkeit musikalische Ornamente als Verbrechen verdammte. Auch Herbert von Karajan, dessen Primadonna assoluta das Orchester war und der mehr als einen Sänger rücksichtslos verheizte, findet bei Kesting ebensowenig Gnade wie Riccardo Mutis Rigidität.

Aber der Autor ist kein Prophet des Niedergangs. Mit der Wiedergeburt der Alten Musik kehrte der kultivierte Ziergesang zurück. Heute ist es schwerer, Verdi und Wagner angemessen zu besetzen. Dafür gibt es ungleich bessere Aufführungen der Opern von Händel, Mozart oder Rossini als vor einem halben Jahrhundert am Beginn der Stereo-Ära. In neu hinzugefügten Exkursen beschreibt Kesting den seismischen Schock des ersten, mit der Bruststimme gesungenen hohen C des Tenors Duprez, das Gioacchino Rossini 1837 an den Schrei eines kastrierten Hahns erinnerte.

Kesting diskutiert, ob Verdi für die Lady Macbeth wirklich eine hässliche Stimme haben wollte und schreibt über Wagners Ideen zum Gesang. Dies gehört zum Besten, was in deutscher Sprache über Oper zu lesen ist.

Dem Live-Erlebnis mißtraut der Autor

Ein paar Grausamkeiten der alten Ausgabe wurden gemildert, neue sind hinzugekommen: Von einer Aufnahme der Wagner-Heroine Waltraud Meier wird Kesting vom Hören heiser, weil er im Zweifel dem festgehaltenen Platten-Eindruck mehr vertraut als dem Live-Erlebnis. Er spendet zwar ein Gratis-Lob für Meiers Bühnen-Präsenz, aber das Live-Erlebnis im Theater wiegt ihm niemals eine verkorkste Scheibe auf.

Eigentlich ist das ein schiefes Bild von Oper. Und die Porträts jüngerer Künstler sind bisweilen so lieblos geschrieben wie ihre Platten produziert. Aber die Vergangenheit des Gesangs ist heute Gegenwart: Viele der alten, von Kesting gepriesenen Aufnahmen sind im Internet nur einen Mausklick entfernt. Und bestürzend oft wird beim Lesen deutlich: Wie ein Meteor aufblitzende und rasch verglühende Karrieren gab es auch früher. So gut waren die alten Sänger-Zeiten auch wieder nicht.

Robert Braunmüller

"Die grossen Sänger" (Hoffmann und Campe, 2546 Seiten, bis 15. Februar 268 Euro, später 328 Euro)

 

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