Klassik Das Abnehmen bleibt schwierig

Der Dirigent bei einer Probe mit dem BR-Symphonieorchester in der Philharmonie. Foto: Michel Neumeister

Gasteig: John Eliot Gardiners Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

 

Live-Begegnungen mit Berühmtheiten der Alten Musik enden oft mit einer Enttäuschung. Nicht alle der im CD-Studio brillierenden Reformer sind dem Riesenapparat eines Symphonieorchesters gewachsen. John Eliot Gardiner, der schon öfter mit dem London Symphony Orchestra in München gastierte, wählte beim Debüt mit dem BR-Luxusklangkörper einen geschickten Umweg: Er näherte sich der Romantik über das 20. Jahrhundert an.

Perfekt vermählte sich die Klangvorstellung des Briten mit dem von Rudolf Barschai zur Kammersymphonie erweiterten Streichquartett Nr. 8 des Dmitri Schostakowitsch. Es wirkte nicht künstlich aufgeblasen, sondern um feine Nuancen fahler Trauer erweitert. Auch Béla Bartóks drittem Klavierkonzert bekam die Versachlichung im oft romantisch verkitschten Adagio religioso durch den bewussten Einsatz des Vibratos der Streicher. Der Pianist Piotr Anderzewski spielte den langsamen Satz schlicht, aber umso ausdrucksvoller. Dann fetzte er das Finale hin, dass es eine mitreißende Freude war.

Auch Dvoraks Siebte kann Diät vertragen. Der folkloristische Leichtfuß gewinnt so brahmssches Schwergewicht. Aber dem BR-Symphonieorchester ist slawische Sämigkeit nur schwer auszutreiben. In der wohlmeinenden Absicht eines gespalteten, bläser-betonten Klangs zwang Gardiner die Flöten zum Forcieren. Im Poco Adagio wirkten die viel zu lauten Bläser-Soli vordergründig geheimnislos, und die letzte Steigerung im Finale wirkte mehr erzwungen als erfühlt. Aber der beste Wille aller war spürbar, und wenn der Dirigent (hoffentlich) wiederkehrt, klappt’s wohl nicht mehr nur theoretisch.

Robert Braunmüller

 

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