Klassik Chefsache – nur nicht in München

Messiaen-Glück und Wagner-Pech: Sir Simon Rattle gastierte mit den Berliner Philharmonikern in Salzburg. Foto: Sheila Rock/EMI

Salzburger Festspiele:Finale mit Messiaen und die flauen Münchner Pläne zum 100. Geburtstag des Komponisten

 

Sir Simon muss ein glücklicher Mensch sein. Die Liebe als furchtbare Qual, wie sie Wagners „Tristan“ umtreibt, liegt ihm fern. Der dissonante Sehnsuchts-Akkord ist ein Wohllaut, und danach fließt die Musik abgeklärt dahin, dass die Schönheit einen zum Verzweifeln bringt.

Kein Münchner Orchester brächte den leisen Einsatz der Bläser am Beginn des Liebestods so perfekt, leise und homogen zu Gehör wie die Berliner Philharmoniker. Aber wiederum bleibt die Leidenschaft verhalten. Und trotz aller feingeschmeckten Perfektion ist die Deutung kaum in sich stimmig: Die am Ende unvermeidliche Ekstase entwickelt Rattle nicht aus dem Vergangenen, sondern zwingt sie einfach herbei, weil sie nun einmal so in der Partitur steht.

Der schattenlose Liebesrausch von Olivier Messiaens „Turangalila-Symphonie“ lag Rattle näher. Hier entscheidet weniger die Interpretation, sondern die Klangregie. Die Soli ließen sich nicht besser besetzen: Der Messiaen-Schüler und Komponist Tristan Murail mischte das elektronische Jaulen der Ondes Martenot perfekt mit den Streichern, ohne sie edelkitschig zu dominieren. Pierre-Laurent Aimard holte aus der undankbaren Klavierpartie alles heraus, die außer zwei gewaltigen Kadenzen vor allem aus schweißtreibender Kraftarbeit innerhalb des Orchesters besteht.

Die Begeisterung des nicht wirklich auf Klassiker des 20. Jahrhunderts gestimmten Publikums im Großen Festspielhaus war ehrlich. Da wirkt es mager, was sich die Münchner Orchester zum 100. Geburtstag des Komponisten ausgedacht haben. Das BR-Symphonieorchester schweigt weitgehend vornehm, obwohl sein Chef die Turangalia-Symphonie drauf hat. Die Philharmoniker übertragen sie einem Gast und leihen sich für „Des canyons aux étoiles“ den Experten Kent Nagano aus, der mit den eigenen Mannen gar nichts macht. Mit Stars lassen sich solche Werke beim zögerlichen Publikum am ehesten durchsetzen. Eigentlich sollten sie wie in Berlin Chefsache sein.

Robert Braunmüller

Am 21., 22. und 23. 11. dirgiert Kent Nagano "Des canyons aux étoiles..." für Klavier und Orchester in der Philharmonie. Die Turangalila-Symphonie unter Jun Märkl steht am 3., 5. und 7.12. auf dem Programm der Münchner Philharmoniker. Am 15. 10 ab 19 Uhr gibt es in der Frauenkirche eine Messiaen-Nacht mit Orgelmusik.

 

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