Klassik Begehren unter der Perücke

Doppelgängerinnen nach dem Willen ihres Liebhabers: Sally Du Randt (Butterfly, li.) und Kate Pinkerton (Susanne Simenec) im Augsburger Theater. Foto: A.T. Schaefer

Augsburg: Die Sopranistin Sally Du Randt und Regisseurin Yona Kim meistern Giacomo Puccinis Reißer „Madama Butterfly“

 

Mit einem Koreaner als blondem Yankee Benjamin Franklin Pinkerton wäre die traditionelle „Madama Butterfly“ eine Verrenkung. Auch die damenhaft-hochgewachsene Sally Du Randt ist das Gegenteil einer 15-jährigen Geisha-Kindfrau. Wenn eine Aufführung aber mit solchen Unmöglichkeiten spielt, statt die Illusion des Zuschauers zu quälen, kann Aufregendes entstehen, wie es der ebenfalls dem Land der Morgenfrische entsprossenen Yona Kim gelungen ist.

Am Beginn steht tarantinohaft Verbrechertrash: Wenn Pinkerton (Ji-Woon Kim) den Whisky besingt, ist er mit dem Latinofreund Sharpless (Alex Sanmartí) schon beim Koks angelangt. Dann interessiert er sich für Hintern beiderlei Geschlechts, und angesichts der quälenden Hochzeitszeremonie ist er fast bereit, das ihn stimulierende Blondhaar einem beliebigen Mann überzuziehen.

Starke Körpersprache

Aber bereits während des Liebesduetts wird solchermaßen Forciertes stimmig: Pinkerton ist ein Aufsteiger, der sich eine abgestürzte Frau aus besseren Kreisen leistet. Woran diese multikulturell käufliche Liebe scheitert, ist eigentlich zweitrangig. Es kommt nur auf den Gegensatz an, den die Regisseurin unmissverständlich herausarbeitet. Sie unterschlägt auch das Einzige nicht, um das Pinkertons Begehren kreist, aber dank ihres Talents, Emotionen in starke Körpersprache zu übersetzen, wirkt das nicht im mindesten vulgär.

Der zweite Akt gehört Sally Du Randt. Der Sopranistin liegen pathetische Ausbrüche zwar mehr als zarte Stellen. Die aber hat sie sich mit einer staunenswerten Energie hart erarbeitet. Man spürt, wie schwer ihr das Piano fällt, aber gerade die Schärfen bereichern das anrührende Porträt einer pathologisch liebenden Frau, die inmitten von Fastfood-Müll nicht begreifen kann, dass sie rettungslos verlassen ist.

Auf nach Augsburg!

Kates Auftritt löst die Katastrophe aus: Die amerikanische Gattin Pinkertons ist bis zur Frisur und dem rosaroten Kleid die aufgefrische Neuausgabe ihrer verwüsteten Existenz. Dann reißt sich Butterfly die Monroe-Perücke herunter, wird zur Japanerin und tötet sich mit dem Scherben eines Spiegels, in dem sie sich nicht mehr anschauen will.

Bei einer anderen Inszenierung könnte die bedeutungsschwangere Sinfonik, mit der Augsburgs Generalmusikdirektor Rudolf Piehlmayer die Musik Puccinis aufzuwerten versucht, vielleicht stören. Zu Yona Kims beckett-hafter Erstarrung passt es. Der Oboist des Philharmonischen Orchesters sollte aber seinem Klarinetten-Kollegen noch die Eleganz für die verschlungene Bläserfigur am Beginn des Liebesduetts ablauschen.

Die Augsburger feierten Sally Du Randt und das solide Ensemble. Bei der Inszenierung meldete keiner Widerspruch an. Es lohnt sich eben, bei diesem verschlissenen Reißer etwas zu riskieren, statt ihn wie in der Bayerischen Staatsoper unter vier Puccini-skeptischen Intendanten als grausigen Repertoire-Zombie künstlich am Leben zu erhalten.

Robert Braunmüller

Wieder am 3., 8., 12., 18. und 24. 10. und im November. Karten: Tel. 0821 / 324 49 00. Weitere Infos unter www.theater.augsburg.de

 

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