Klassik Aus Stress zum Karajan vergreist

Fast wie bei Karajan: Thomas Peters ist Dirigent, Regisseur, Hauptdarsteller und Kostümbildner von "Traviata, Orchesterprobe III. Akt". Foto: Lioba Schöneck

Verrückte Theaterwelt: „Orchesterprobe, Traviata III. Akt“ im Gärtnerplatz-Graben

Wer je hinter die Kulissen blicken durfte, kennt das: Die Probe läuft scheinbar perfekt. Plötzlich platzt dem Regisseur der Kragen. Beteiligte zittern vor Angst, Unbeteiligte schütteln sich heimlich vor Lachen, weil keiner versteht, warum der Mann aus der Haut fuhr.

Nun lüftet das Gärtnerplatztheater den Vorhang vor dieser seltsamen Welt wilder Nervenzusammenbrüche ein wenig. In Jean-François Sivadiers „Orchesterprobe, Traviata III. Akt“ sitzt das Publikum im Orchestergraben. Es erlebt mit der Wurstigkeit eines vor der Pensionierung stehenden Musikers die Arbeit an einer abgefahrenen Verdi-Inszenierung. Der Dirigent streitet mit dem Regisseur (Marcus Morlinghaus), eine Diva (Marianne Larsen) benimmt sich wie zu erwarten und schikaniert ihre junge Kollegin (Sibylla Duffe) mit abstrusen Vorschlägen zur Gesangstechnik.

Ein Zuschauer hielt das Theater für Wirklichkeit

Ein echtes Orchester würde Sivadiers Maestro durchfallen lassen, weil er dauernd schwafelt. Thomas Peters ähnelt mit Dackelblick und heruntergezogenen Mundwinkeln trotz seiner Jugend einer alten Beethoven-Büste. Er hat sich Grundlagen des Metiers angeeignet und Profis genau beobachtet: Wie Kent Nagano fährt er sich durch die Haare und vergreist aus Stress zum minimalistischen Karajan der Spätzeit. Einmal versetzt er aus heiterem Himmel zwei Musiker, um seine Autorität mit Unberechenbarkeit zu stärken. Eine Hinterbühnen-Komödie wird so zur Parabel über die Macht.

Die Frage, ob Elisabeth Schwarzkopf auch in einer 4000 Plätze fassenden Wiener Oper Karriere gemacht hätte, provozierte einen Zuschauer zum Zwischenruf, dass die MET so groß sei. Später versuchte der Herr mit erhobenem Finger eine weitere Wortmeldung. Er verwechselte Theater auf dem Theater mit der Wirklichkeit. Höheres Lob lässt sich für eine Aufführung nicht spenden. Keine Frage, dass diese in Frankreich sehr erfolgreiche Komödie auch in München zum Kultstück wird.

Robert Braunmüller

Wieder am 5. und 21.12., 5.1. und 8.2. Karten: Tel. 21 85-19 60

 

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