Klassik am Odeonsplatz Valery Gergiev und Daniil Trifonov mit Beethoven

Triumph mit Beethoven: Daniil Trifonov und Valery Gergiev bei „Klassik am Odeonsplatz“. Foto: Marcus Schlaf

Daniil Trifonov und die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev beim zweiten Abend von „Klassik am Odeonsplatz“

 

Es muss mit dem physikalischen Gesetz der Trägheit von Massen zu tun haben, dass 8000 Menschen auf dem Odeonsplatz sich regelmäßig als weniger applausfreudig erweisen als eine ausverkaufte Philharmonie oder der bis auf den letzten Platz besetzte Herkulessaal. Man muss sehr geschwind seine Zugaben bringen, ehe der Applaus abebbt. Dass es einmal Bravos oder gar stehenden Beifall gibt, ist ein ganz seltener Fall.

Voriges Jahr gelang dem für David Garrett eingesprungenen Tenor Juan Diego Florez mit der Puccini-Arie „Nessun dorma“ das Kunststück, das heuer – ebenfalls mit den Münchner Philharmonikern – der Pianist Daniil Trifonov wiederholte.

Zuerst einmal versetzten sich am Sonntag das Orchester unter Valery Gergiev mit der „Coriolan“-Ouvertüre in eine gehoben heroische Beethoven-Stimmung. Dann erschien Trifonov für das Klavierkonzert Nr. 5. Aber er spielte es nicht nur. Er durchlebte es: den ersten Satz als leidenschaftliches Drama, den zweiten als Befriedung in innerer Ruhe und das Finale als ekstatische Befreiung und Feier des Lebens.

Ganz und gar heroisch

Auf der Video-Wand war das alles im Gesicht des 28-Jährigen perfekt zu verfolgen. Mit fliegenden Haaren und Vollbart wirkt Trifonov einerseits jungenhaft, zum anderen entspricht er allen denkbaren westlichen Russland-Klischees vom Heiligen Narren und der aus dem Buch getretenen Dostojewski-Figur.

Aber das Drama des Klavierkonzerts Nr. 5 spielte sich nicht nur in seiner Mimik ab, es wurde auch hörbar. Zwar liegt es nahe, den letzten Satz dieses Konzerts als Steigerung des ersten zu verstehen. Aber es ist nahezu ummöglich, weil ein Pianist dafür eine technische wie konditionelle Souveränität braucht, die nur ganz wenigen gegeben ist.

Trifonov verlor sich auch nicht in einer Nachdenklichkeit, mit der viele Interpreten das im englischen Sprachraum sogenannte „Emperor“-Konzert demokratisieren. Er setzte voll und ganz auf den heroischen Tonfall und souveränen Schwung. Das nie erlöschende Feuer steckte an: Trifonov wurde – für Odeonsplatz-Verhältnisse – heftig gefeiert. Er bedankte sich mit einem Virtuosenstück, dem Presto-Finale aus Beethovens Klaviersonate Es-Dur op. 31, „Die Jagd“.

Nach der Pause dirigiert Gergiev die berühmteste, aber auch schwierigste aller Beethoven-Symphonien: die Fünfte. Ihr Überschwang ist den meisten Dirigenten irgendwie peinlich, weshalb das Finale gern im Tempo zurückgenommen und der Triumph in Anführungszeichen gesetzt wird.

Wo ist der Zahnstocher?

Bei Gergiev und den Münchner Philharmonikern gab es kein „Als ob“. Sie spielten die großen Gefühle vorwärtsdrängend und setzten – wie Trifonov – alles auf eine Karte: die Überwältigung des Hörers. Alles andere – oder gar Feinsinn – wäre auf dem Odeonsplatz auch ein Fehler.

Der eine oder andere Besucher wunderte sich ein wenig über den weißen Bleistift statt des zahnstochergroßen Mini-Taktstocks in Gergievs Hand. Größerer Platz, längerer Taktstock? Oder hatte er ihn aus dem Bayreuther Festspielhaus mitgebracht, wo der Dirigent derzeit „Tannhäuser“ probt und sich womöglich Notizen machen muss? Am Ende, nach dem Konzert, die ganz simple, praktische Erklärung: Gergiev berichtete, er wollte unter dem als Regenschutz aufgestellten Zelt von den Musikern einfach nur besser gesehen werden.

Eine einfache Sache also. Schwieriger ist es, eine kurze Orchesterzugabe für ein reines Beethoven-Programm zu finden. Gergiev und die Philharmoniker wählten das Scherzo aus Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“-Musik – wie bei den Kollegen vom BR ohne jede Ansage, als Rätsel. Und da wäre unser Vorschlag: für richtige Einsendungen bis zu 30 Minuten nach Konzertschluss einen Rabatt für das nächste Jahr. Oder doch eine Ansage – durch den Dirigenten oder einen Musiker!

Die beiden Konzerten im nächsten Jahr am 11. und 12. Juli dirigieren Franz Welser-Möst (BR) und Valery Gergiev (Philharmoniker). Solisten sind Igor Levit und Hélène Grimaud in zwei Klavierkonzerten

 

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