Klassik 67 perlende Sechzehntel

Zu Bachs 300. Geburtstag nahm Helmut Schmidt 1985 eine Platte mit Bachs Konzert für vier Klaviere in Hamburg auf. Foto: DG/Lederer

Bach ist Vivaldi und Schmidt-Schnauze Pianist: Klavierquartett mit dem Ex-Kanzler

 

In der zweiten Spalte von links muss es statt ,Bürgermeister’ vielmehr ,Senator’ heißen: ich war nie Bürgermeister“, schrieb Helmut Schmidt 1985 nach dem Studium der Plattenhülle an die Deutsche Grammophon. In diesem Sinne nehmen wir es bei Wiederveröffentlichung als Coffeetable-CD „Kanzler & Pianist“ deshalb ganz genau.

Obwohl marktschreierisch „Helmut Schmidt spielt Bach“ auf der Scheibe prangt, wirkt er nur in einem der festgehaltenen Konzerte für mehrere Klaviere mit, die ansonsten von Justus Frantz, Christoph Eschenbach und Gerhard Oppitz bestritten werden. Und das Konzert d-moll für vier Klaviere BWV 1063 rührt in seiner Substanz gar nicht vom Thomaskantor her: Der hat die vier Violinen des Concertos Nr.10 aus „L’Estro armonico“ op. 3 von Vivaldi nur für vier Tasteninstrumente arrangiert, harmonisch aufgepeppt und um einen Takt erweitert.

Der vierte Mann

Eschenbach beginnt: Schon im ersten Takt folgt Frantz. Beim Einsatz des Streichorchesters vereinen sich alle vier Klaviere zu einem ohne Partitur undurchdringlichen Gewirk. Dann hat Gerhard Oppitz sein Solo. Wieder rauschen alle Klaviere auf. Zwischen der 40. und 52. Sekunde spielt der Ex-Kanzler dann 67 perlende Sechzehntel allein. Am Ende des ersten Satzes hat Schmidt-Schnauze noch das letzte Solo-Wort. In den beiden übrigen Teilen hat er keinen weiteren Einzelauftritt.

Das zentrale Largo ist heikel, weil die Klaviere exakt zusammen sein müssen. „Unisono“ ist das Fachwort dafür. „Bei der Aufnahme gelang das sofort“, verriet uns der in St. Petersburg weilende Justus Frantz am Telefon. „Schmidt war unheimlich konzentriert und spielte professionell. Ich habe auch oft Bachs ,Goldberg-Variationen’ von ihm gehört, mit denen er ziemlich gut zurecht kam.“

Derzeit nicht zu haben: Schmidts Mozart

Die Bach-Aufnahmen sind nicht die einzige musikalische Hinterlassenschaft des Ex-Kanzlers. 1981 wollte Frantz mit seinem langjährigen Duo-Partner Eschenbach und Plácido Domingo Mozarts Konzert für drei Klaviere aufnehmen. Aber der große Tenor bekam Muffensausen. Frantz dachte sofort an den damals noch amtierenden Kanzler, der öfter in seiner Finca auf Gran Canaria zu Gast war. Die Verhängung des Kriegszustands in Polen hätte die Aufnahmen in den Londoner Abbey-Road-Studios fast verhindert. Sie fanden aber schließlich doch vor den Ohren einiger Sicherheitsbeamter statt. Sie ist wohl nur deshalb nicht auf „Kanzler & Pianist“ zu hören, weil sie sich im Besitz der konkurrierenden EMI befindet.

Musik hört Helmut Schmidt wegen seiner Schwerhörigkeit heute nur noch verzerrt. „Das ist eine Tragödie“, sagt Frantz. „Es tut mir in der Seele weh.“

Robert Braunmüller

„Helmut Schmidt: Kanzler & Pianist“, CD und DVD bei DG, ab 7. November im Handel

Als Zugabe: Arbeit am Mythos

Er spielt immer noch, meist frei und nicht nach Noten, aber hören kann er sein Klavier kaum mehr. Ein Verlust, der Helmut Schmidt sehr schmerzt, wie Ehefrau Loki der Journalistin Sandra Maischberger verrät. Ihre geistreiche, mit derBach-CD als Box erscheinende 90-minütige Dokumentation „Außer Dienst“ bastelt am Mythos des beliebtesten Politikers, der genüsslich zu seiner Legende beiträgt. „Er kann den Staatsmann an- und abschalten“, so der ehemalige „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer. Schmidt selbst gibt zu, gelegentlich „absichtsvoll sehr abweisend“ sein zu können. Aber niemals arrogant. Ein Film wie ein Denkmal.

vi

 

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