Klage gegen Freistaat Bayern Gustl Mollaths Prozess startet: Jahrelang unschuldig eingesperrt

Fordert Schmerzensgeld vom Freistaat Bayern: Justizopfer Gustl Mollath. Foto: dpa

Am Mittwoch beginnt der Prozess von Justizopfer Gustl Mollath gegen den Freistaat. Er fordert 1,8 Millionen Euro. Ein Strafrechtsexperte schätzt, dass 30 Prozent zu Unrecht in Haft oder in der Psychiatrie sind.

München - Genau 2.747 Tage - mehr als sieben Jahre - saß Gustl Mollath zu Unrecht in der geschlossenen Psychiatrie. Nun fordert Deutschlands bekanntestes Justizopfer 1,8 Millionen Euro Schadenersatz vom Freistaat. 70.000 Euro wurden ihm bereits gezahlt (AZ berichtete). Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht München I der Zivilprozess.

Mollath saß zu Unrecht ein

Wie berichtet, war Mollath 2006 nach Körperverletzungsvorwürfen seiner Frau vom Landgericht Nürnberg vom Vorwurf der Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen worden, aber wegen angeblicher Gefährlichkeit eingewiesen worden. Erst 2013 kam er im Zuge eines Wiederaufnahmeverfahrens frei.

Nach Ansicht des Strafverteidigers Burkhard Benecken aus Marl (NRW) sitzen erschreckend viele Menschen unschuldig im Gefängnis oder in der Psychiatrie. "Ich schätze, dass etwa 30 Prozent zu Unrecht weggesperrt sind. Der Fakt, dass im Prozess oft nur Aussage gegen Aussage steht, öffnet falschen Verdächtigungen Tür und Tor", sagt der Jurist. Heute erscheint sein Buch "Schreiend ungerecht, alltägliche Justizskandale in Deutschland" (Riva-Verlag, 250 S., 19,99 Euro). Darin schildert er elf wahre Fälle, darunter zwei aus Bayern.

Anwalt: "Die Folgen sind ein Albtraum"

"Die Folgen sind ein Albtraum für die Betroffenen", berichtet der Anwalt. Er vertrat unter anderem einen Arzt, der zu Unrecht wegen Vergewaltigung beschuldigt wurde. "Der Mann dachte sogar an Suizid."

Der Anwalt übt heftige Kritik an Richtern: "Nach meiner Erfahrung und der meiner Kollegen hören viele Richter lieber Be- als Entlastendes. Überhaupt verurteilen sie lieber als freizusprechen."

"Es braucht mehr Gutachter"

Die Hürden für Wiederaufnahmeverfahren hält er für viel zu hoch. "Die Zahl der Fälle, in denen es zur Wiederaufnahme kommt, ist verschwindend gering." Benecken fordert, dass in jedem Prozess, in dem Aussage gegen Aussage steht, zwingend ein Experte eingeschaltet wird, der die Glaubwürdigkeit der Aussagen begutachtet. "Dafür braucht es deutlich mehr Gutachter. Und ihre Qualität muss durch Schulungen und Prüfungen verbessert werden."

 

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