Kinokritik "Sorry We Missed You": Die Falle der falschen Freiheit

Kurze Rast im Wahnsinn des Zustellerdienstes: Ricky (Kris Hichen) mit seiner Tochter (Katie Proctor), die ihn auf einer seiner Touren spontan begleitet. Foto: Sixteen Films /NFP

Ein Blick auf eine liebevolle Familie im Reißwolf des Kapitalismus: "Sorry We Missed You" von Ken Loach.

 

Es ist ein einnehmender, liebevoller Blick auf diese Familie in ihrem schmalen, englischen Stadtreihenhäuschen. Abby ist nach ihrem anstrengenden Tag in der ambulanten Altenpflege nach Hause gekommen, stellt die Einkaufstüten ab, erkundigt sich bei der Teenietochter, wie der Tag gelaufen ist, fragt den jüngeren Sohn nach der Schule, kocht schnell noch was. Richard, der Vater, der etwas niedergeschlagen am Essenstisch auftaucht, weil es mit seiner Jobsuche nicht so recht klappt und er sich mit Gelegenheitsjobs durch die Krise kämpft, erzählt von seinem Tag.

Mit der Selbstständigkeit beginnt eine brutale Tretmühle

Doch dann bietet sich für Ricky die Chance, selbstständiger Paketbote zu werden. Abby verkauft ihr Auto, damit er sich auf Kredit einen Lieferwagen leisten kann. Sie macht ihre Pflegerunde jetzt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Und wirklich, anfangs fühlt sich Ricky in seinem Transporter wie der King of the Road auf den Straßen von Newcastle: frei und sein eigener Herr, der auf eigene Rechnung fährt. Doch mit der Selbstständigkeit beginnt eine brutale Tretmühle.

"Sorry We Missed You" ist eine brutale Abrechnung mit der kapitalistischen Ausbeutung. Die funktioniert deshalb heute besonders gut, weil sie nicht einmal mehr auf eine gut organisierte, gewerkschaftliche Arbeiterschaft trifft, sondern auf ausgebeutete Ich-AG-Menschen, also Einzelkämpfer.

Helden des Alltags

Trotz Akkord und krassen Überstunden verliert Ricky die Kontrolle über sein Leben, das in einer liebenden Familie Halt hat, die nach und nach durch die moderne Schuldknechtschaft ruiniert wird: durch Stress und Schuldendruck und dem Mangel an Zeit füreinander, aber vor allem, um die heranwachsenden Kinder zu begleiten. So geht langsam alles verloren, was eigentlich Leben bedeutet.

Dabei bleiben Abbey und Ricky Helden des Alltags, denen zwar der Sohn entgleitet, weil er in schwieriger Phase alleine gelassen wird, obwohl die liebevollen Eltern alles in ihre Zwangslage noch möglich versuchen. Aber auch ihre Kraft ist endlich und ihre Überreiztheit in der Überlastung nimmt zu.

"Sorry We Missed You": ein ergreifendes Drama

Das alles zeigt Ken Loach niemals peinlich kitschig oder übertrieben moralisch, sondern erschütternd und ergreifend echt. Und vielleicht sollten wir bei unserer nächsten Internetbestellung und dem Paket-Tracking in Echtzeit auch einmal hinter die nette "Just-in-Time"-Reklamefassade schauen: Da lauert nämlich eine Brutal-Überwachung, die als Service getarnt ist und ein Dumpinglohn-Abgrund ohne feste Arbeitszeiten und Mindestlohn.

Und vielleicht basiert unser Wohlstand auch stark darauf, dass "unten" brutal schlecht gezahlt wird.

Es braucht eine Revolution, so sieht das Ken Loach. Und dazu hat er keinen Propagandafilm gedreht, sondern ein ergreifendes Drama.


Kino: City (auch OmU) und Monopol (OmU)

R: Ken Loach (GB, 101 Min.)


 
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