Kinokritik "Intrige": Die Wahrheit verpflichtet

Keine Chance gegen die „Intrige“ und falsche Zeugen: Louis Garrel als Alfred Dreyfus vor dem Militärtribunal. Foto: Guy Ferrandis / Weltkino

Roman Polanski verfilmt den Bestseller von Robert Harris und schafft mit "Intrige" klassisch großes Kino als packend aktuelle Geschichtsstunde. Die AZ-Kritik.

 

Schon die Körperhaltung befremdet uns in unserer, gewohnt zivilen Lässigkeit. Mit militärisch dauersteifer Miene stehen sie sich wie stocksteife Holzpuppen gegenüber: der gerade wegen angeblicher Spionage für die Deutschen verurteilte und demütigend degradierte französische General Alfred Dreyfus und der Offizier Georges Picquart. "Ich bin Antisemit, aber ich werde sie korrekt behandeln", sagt Picquart Dreyfus ins Gesicht.

Es ist Dezember 1894 – und der Beginn der "Affäre Dreyfus", die noch die ganze Republik erschüttern wird.

Dreyfus geht in die Verbannung auf die südamerikanische Teufelsinsel im damaligen Französisch-Guayana. Picquart wird zum neuen Geheimdienstchef. Der britische Schriftsteller Robert Harris hat vor sechs Jahren einen entlarvenden Geschichtsthriller aus der Dreyfus-Affäre gemacht:

Picquart entdeckt eine weitlaufende Intrige

"An Officer and a Spy", der deutsch weniger elegant, aber klarer "Intrige" heißt, wie jetzt auch Polanskis Verfilmung im deutschen Kino. Georges Picquart (Jean Dujardin) ist ein treuer Staatsdiener, aber er entdeckt bald eine weite Kreise umfassende "Intrige", die gegen den Juden Dreyfus (Louis Garrel) gelaufen ist, was gegen sein Staats- und Rechtsverständnis verstößt.

Unter Gefahr seiner Karriere und sogar seines Lebens will er den Justiz- und Gesellschaftsskandal aufdecken. Sofort versucht man ihn von höchster Militärstelle kaltzustellen.

Picquart findet Privatbriefe und Fälschungen, gerät selber wegen einer Liebesaffäre in die Erpressbarkeit, bleibt unkorrupt und kann letztlich nur mit Hilfe von großem öffentlichen Druck durch die Presse doch noch eine Wiederaufnahme des Dreyfus-Verfahrens erzwingen – und hohe Köpfe rollen!

J‘accuse" heißt der Film in Frankreich – nach der großen Schlagzeile in der Tageszeitung "L’Aurore", mit der der Schriftsteller und politische Essayist Émile Zola am 13. Januar 1898 große Teile der militärischen Führung und Ministerielle der Rechtsbeugung, Korruption und des Antisemitismus bezichtigte – und eine politische Bombe auslöste.

Polanski gelingt es einen spannend aktuellen Film zu überbringen

Noch am Ende von "Intrige" glaubt man, den Kasernenstaub und Amtsstubenmuff weiter zu riechen. Auch musste man das Augen an das ständige Halbdunkel gewöhnen bis hinauf zu den mit schweren Möbeln und Stoffen belasteten Ministerialräumen. Aber es ist das Großartige und Beklemmende an Roman Polanskis historischer Korrektheit, dass man gleichzeitig einen spannend aktuellen Film gesehen hat.

Unaufdringlich lässt Polanski die Geschichte zu uns heute sprechen, so wenn der absurde Antisemitismus anklingt, der mehr oder weniger subtil die Gesellschaft durchseucht und nur auf einen pogromartigen Ausbruch wartet. Ebenso sieht man den Angriff auf den Rechtsstaat von innen heraus, weil staatliches Versagen vertuscht und höhere verwickelte Personen geschützt werden sollen.

Auch die Aushöhlung der Pressefreiheit durch gefälschte Fakten und die Verhaftung des Enthüllungsjournalisten Émile Zola thematisiert Polanski, sowie den Konflikt zwischen falschem Ehrenkodex und Gehorsam einerseits und der notwendigen Zivilcourage zum Widerstand andererseits.

Polanski: "Genau das passierte ein paar Straßen weiter von unserem Drehort"

Natürlich behauptet "Intrige" nicht, dass sich Geschichte genau wiederholt, aber es gibt eben doch ihre Muster, die man erkennen sollte. "Als wir die Szene gedreht haben, in denen Menschen Läden mit antisemitischen Parolen beschmieren, passierte genau das ein paar Straßen weiter von unserem Drehort", hat Polanski der spanischen Zeitung "El Pais" erzählt.

Bei alledem ist "Intrige" wunderbar klar und klassisch erzählt, sicher auch, weil die Affäre selbst schon kompliziert genug ist. Und weil bei Polanski alle gecasteten Physiognomien und Gesichter so unfassbar entlarvend passen, jede Einstellung einer durchkomponierten, atmosphärisch dichten Fotografie gleicht, ist "Intrige" auch noch ein großer Kinogenuss.     


Kino: City, Leopold, Isabella sowie Theatiner, Arena (auch OmU)
B: Robert Harris und Roman
Polanski R: Roman Polanski
(F, I, 129 Min.)

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