Kinokritik "Ein verborgenes Leben": Metaphysischer Dauerkitsch

August Diehl und Valerie Pachner als das Bauernpaar Jägerstätter hier vor der Kirche St. Konstantin in Völs am Schlern. Foto: Pandora /Studio Babelsberg

Terrence Malick nimmt sich der Geschichte von Franz Jägerstätter an, der Anfang der 40er-Jahre den Kriegsdienst verweigerte: "Ein verborgenes Leben".

 

Der "Poet des Kinos", wie er huldigend genannt wird, hat eine wichtigtuerische Allüre: Er tritt nicht öffentlich auf – selbst dann nicht, wenn er eine Premiere in Cannes hat, wo "Ein verborgenes Leben" im letzten Jahr gezeigt wurde. Terrence Malick, der schon mit Filmen wie "Tree of Life" 2011 die Goldene Palme gewann sowie drei Oscarnominierungen, liebt spirituelle, oft biblische Überhöhungen bis hin zu eingebauten Bildern des Schöpfungs-Urknalls. Und vielleicht wird er auch wegen seiner sich selbst-zerquälenden Ernsthaftigkeit im oft oberflächlichen Hollywood verehrt. Jedenfalls kann er Stars wie Sean Penn, Brad Pitt, Rooney Mara, Natalie Portman oder Jessica Chastain, Ben Affleck und Ryan Gosling für seine Projekte gewinnen.

"Ein verborgenes Leben": August Diehl in der Hauptrolle

In "Ein verborgenes Leben" geht es jetzt um deutsche Geschichte – und man kann ein Gesichter-Raten im Kino veranstalten: Ist das nicht Bruno Ganz in seiner letzten Rolle? Oder Ulrich Matthes, Tobias Moretti, Alexander Fehling und Martin Wuttke? Ja, alle spielen in kleinen Rollen mit. August Diehl aber hat die Hauptrolle in dem langsam fließenden dreistündigen Film als Franz Jägerstätter. Der ist im Film ein Bergbauer aus dem Salzburger Land und damit nicht zufällig ganz nah bei Hitlers Obersalzberg, auch wenn der Film teilweise in Südtirol gedreht wurde.

Jägerstätter verweigert aus religiösen Gründen den Wehrmachtsdienst. Er wird inhaftiert und zwei Jahre später, 1943, als "Wehrkraftzersetzer" in Berlin hingerichtet. Seine Frau (Valerie Pachner) versteht erst die Welt und dann ihren Mann nicht mehr. Wie kann er riskieren, dass sie und ihre Töchter im Dorf geächtet zurückbleiben, wo sie ihn doch nicht nur als Mann und Vater, sondern auch als Ernährer und Arbeitskraft brauchen? Denn im Film sieht man auch die Mechanismen der Ausgrenzung, oft angefeuert durch Schnaps und Bier, wenn man nicht mitspielt. Aber die Frau wird sich mit ihrem Mann und dessen Haltung versöhnen, selbst mit seinem Märtyrertod, denn sie liebt ihn.

"Ein verborgenes Leben": überladen und romantisch 

Und am Ende – man sieht auch das Versagen der katholischen Kirche, sich nicht vor einen Kriegsdienstverweigerer aus Glaubensgründen zu stellen – wird die Kirche Jägerstätter 2007 seligsprechen, was der Film nicht mehr zeigt.

"Ein verborgenes Leben" könnte ein bewegender, fesselnder, vielleicht auch irritierender Film über einen ganz normalen Mann sein, der aus innerer Haltung Widerstand leistet. Aber Malicks Film ist überladen: Die fast ununterbrochene romantische Orchester- und bedeutungsschwangere Chormusik suggerieren metaphysische Schicksalsschwere. Dazu werden aus dem Off mit getragener Stimme noch Briefe und Gebete Jägerstätters gelesen. Große Alpenpanoramen bekommen naturreligiöse Züge.

"Ein verborgenes Leben": kitschig statt bewegend

Dass Jägerstätter selbst aus dem eher flacheren Innviertel stammte, ist dabei sicher künstlerische Freiheit. Aber auch vom Bergdorf bis hin zum Kohlkopf im Gemüsegarten ist alles tourismusbroschürenreif farblich intensiv, irgendwie wie drapiert, kitschig.

Im Vordergrund wird seltsam langsam, akzentgeschwängert, wie aufgesagt Englisch gesprochen, während im Hintergrund an Tischen und bei der Feldarbeit alpin gefärbt Deutsch geredet wird.

Das alles ist unfassbar manieriert, und es gibt keinerlei Innenschau Jägerstätters. So jedenfalls kann man eine brutale, wahre Widerstandsgeschichte nicht erzählen.


Kino: City sowie Monopol (auch OmU)
B&R: Terrence Malick (USA/D, 174 Min.)


 
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