Kinokritik "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao": Einheit im Schmerz

Im Abendlicht: Carol Duarte als Eurídice und Julia Stockler als ihre Schwester Guida Gusmão. Foto: Bruno Machado

In "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao" erzählt vom Leben zweier Schwestern in Rio.

 

Exotik, Rhythmen und satte Farben – ein Bild, das sich gern von Rio de Janeiro aufdrängt. In Karim Ainouz’ "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao" sind die Farben jedoch verblasst. Bunt ist das Leben Anfang der Fünfziger Jahre dort nicht – speziell für Frauen. Die Schwestern Eurídice (Carol Duarte) und Guida (Julia Stockler) haben wenigstens noch ihre Träume. Erstere will zum Klavierstudium nach Wien, zweitere sehnt sich nach Leidenschaft. So unterschiedlich sie auch sind, so unzertrennlich ist das Band zwischen ihnen. Doch dann brennt Guida mit einem Matrosen durch.

Von hier an geht es für beide bergab. Eurídice heiratet einen Mann, der weder Sinn für Romantik, noch für ihre musikalische Begabung hat. Ihre Schwester kehrt allein und hochschwanger zurück, wird jedoch vom Vater verstoßen. Immer wieder schreiben sie sich Briefe – Guida wurde erzählt, Eurídice sei in der Zwischenzeit in Wien – aber die Eltern halten sie unter Verschluss. Geeint sind sie nur als Opfer der männlich-bestimmten Gesellschaft.

Nach der Romanvorlage von Martha Batalha

Karim Ainouz verfilmt die Romanvorlage von Martha Batalha nicht als kalte Sozialstudie. Sie orientiert sich am Melodram, scheut sich nicht vor sentimentalen Momenten. Trotzdem verwässert sie nichts. In den Sechzigern wuchs sie in größtenteils weiblichem Umfeld auf. Dazu in einer durch patriarchale Strukturen geprägten Region. Das merkt man vor allem Guidas Anteil an, der dieses Milieu in all seinen Details zeigt. Die Darstellung von Eurídices Mittelstandhölle verliert dem gegenüber leider an Strahlkraft.

Und auch, wenn Ainouz es in beiden Handlungssträngen gelingt, wirklich emotionale und im besten Sinne melodramatische Momente zu schaffen, sie tragen den Film letztendlich nicht über 140 Minuten. Das liegt vor allem daran, dass die Handlung mit den einzelnen Schicksalsschlägen überfrachtet ist. Das, was eigentlich alles trägt, nämlich die seelische Verbindung der Schwestern, wird mehr und mehr zum Beiwerk. Das Potenzial entfaltet sich so nicht komplett, sondern verliert sich oft in den Längen des Drehbuchs.

Historiendrama mit besonderer Atmosphäre

Die Szenen, in denen dies doch geschieht, lohnen sich aber dennoch. Vor allem der überlegte Einsatz von Licht und Farben gibt dem Film eine besondere Atmosphäre. Und als Historiendrama, das lange nicht nur Rio de Janeiro betrifft, funktioniert er auf alle Fälle.


Kino: City

Regie: Karim Ainouz (Bras, D, 139 Min.)


 
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