Kino: "Zettl" Schamlos charmelose Kastration

Zettl (Michael Bully Herbig) will vom Chauffeur zum größten Klatschreporter der Republik werden mit dem Magazin „The New Berliner“, einer „Internet-,Bild’ für Arme“. Foto: Warner

„Zettl” von Helmut Dietl: Ein Staraufgebot versinkt witzlos und wirr im Berliner Polit-Intrigantenstadl

 

Der Film beginnt auf dem Friedhof – allerdings ohne Grabesruhe: Der Klatsch-König Baby hat sich mit der Harley am Brandenburger Tor derrannt. Schimmerlos ist also glanzlos tot, es lebe Zettl (Bully Herbig)! Dessen Traum ist es jetzt, der neue Master des neudeutschen „Talk of the Town” zu werden. Er wird aber nur ein „Master of Desaster”.

Regisseur Helmut Dietl verbittet sich Vergleiche: „Zettl” sei nicht „Kir Royal”, ein Kinofilm keine Fernsehserie, Berlin eben nicht München und Bully nicht Kroetz. Wie wahr.
Aber wenn 25 Jahre nach der „Wer in ist, ist drin”-High-Society-Satire auch im neuen Film die ganz heißen Geschichten noch aus dem alten Notizbuch vom toten Schimmerlos stammen, gibt Dietl eben doch indirekt zu: Ohne Babys lässig-frechen, versöhnlichen Stenz-Stil geht’s halt nicht, sonst wird eine Satire zu leicht eisig.

Bei „Zettl” liegt das nicht daran, dass etwa der Alkoholiker-Kanzler (Götz George) schon als Zombie auf Eiswürfel gelagert ist, bis die Nachfolgefrage ausgefochten ist. Kühl ist der Film, weil es in diesem groß-provinziellen Polit-Intrigantenstadl kaum Sympathieträger gibt.

Zettl selbst müsste es sein. Aber er wird ja schon im Untertitel als „unschlagbar charakterlos” abgekanzelt. Und Herbig müht sich auch um Charme, muss sich aber dem Dietl-Stuckrad-Barre-Drehbuch geschlagen geben, an dem verflixte sieben Jahre gebastelt wurde. Oder wie kann man einen Satz wie „Ich beiß’ dich in deine Lostusblüte, du süße Schlampe” noch aus der peinsamen Vulgarität retten?

Harald Schmidt hat es nicht besser. Er schwäbelt als Ministerpräsident von Meck-Pomm, obwohl die Zeiten von Westimporten in die Ossi-Zone längst vorbei sind. Ein Griff in seinen Schritt soll prüfen, ob er’s in den Eiern hat, das Kanzleramt. Dagegen muss sich die Berliner Transvestiten-Bürgermeisterin (Dagmar Manzel) im herben Künast-Stil ohne Wowi-Faktor erst einmal die Eier abschneiden lassen, um ihre Sympathiewerte für die K-Frage chirurgisch nach oben zu korrigieren. Das alles ist schamlos charmelos. Herzlich spielt nur Karoline Herfurth die dämliche Edelprostituierte der Berliner Republik. Wie atemberaubend wirklichkeits-wahr war dagegen doch die Geschichte des intelligent-selbstbewussten Escort-Mädchens Rosemarie Nitribit der Adenauerära.

Aus Sicht der Dietl-Heimat und heimlichen Hauptstadt München ist die offizielle Hauptstadt Berlin ein lebloses Klischee – mit ausgeschlachteten Autowracks vor Plattenbauten, Künstlerdesignern in prekären Verhältnissen, dicken Computer-Nerds oder dummen Ossi-Punk-Tussen, die alle berlinern wie in einer Soziolekt-Karikatur. Dabei ist die Messlatte der Berliner in diesem Film eigentlich der intellektuelle New Yorker.

Und wenn die Medienszene mit Sunnyi Melles als hochgespritzte, altersangst-alkoholisiete Talk-Moderatorin eine Edel-Szene-Party feiert, ist die Großstadt-Musik eine verspätet-avantgardistische Performance schweißgerät-treibender Schwermetall-Bearbeitung mit der Brechstange.

Am Ende verlässt der alte Klatschfotograf und Ex-Schimmerlos-Begleiter Herbie Berlin im Rollstuhl. Babys Ex, die Mona, ist schon zuvor zurück nach München geflogen. Und wirklich kommen nur Dieter Hildebrandt und Senta Berger rührend würdig aus diesem Schlamassel wieder heraus.

Kino: ABC, Arri, CinemaxX, Mathäser, Royal
R: Helmut Dietl B: H. Dietl, Benjamin von Stuckrad-Barre (D, 109 Min.)

 

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