Kino "Inside Llewyn Davis" - der neue Film der Coen-Brüder

Die pure Folk-Leidenschaft: Llewyn Davis (Oscar Isaac, li.), Jim Berkey (Justin Timberlake) und Al Cody (Adam Driver) bei einer Aufnahme-Session. Foto: Studiocanal

Bevor Bob Dylan die Bühne betrat, versuchte sich ein anderer am „wahren“ Folk: Die Coen-Brüder blicken „Inside Llewyn Davis“.

 

Musikalisch war es eine besondere Zeit: Der Rock’n’Roll war gerade abgeebbt, der Beat war noch nicht von Liverpool herübergekommen, der schwarze Jazz hatte sich vom Mainstream-Swing Richtung untanzbarem Bebop entfesselt. Und dann entwickelte sich etwas Neues, wobei ein Kristallisationspunkt die US-Ostküste war, besonders der Washington Square, New York, ein Studentenviertel reicherer Bürgersöhnchen und -Töchter mitten in Manhattan.

Dass ausgerechnet an diesem äußerst urbanen Ort musikalisch die Härte und Ehrlichkeit, aber auch rassistische Brutalität der erdigen Plains, des wilden Westens und der Plantagen-Südstaaten besungen wurde, dass von diesen Clubs in Greenwich Village aus der Siegeszug der Folkmusik begann, hat eine gewisse Ironie. Und die Meister der schwarzen Ironie, die Coen-Brüder, erzählen davon in „Inside Llewyn Davis“.

Es ist 1961, noch kurz bevor die junge, weiße US-Folkszene bürgerrechtsbewegt, protestgeladen und doch glatter die Charts stürmte, der Moment, kurz bevor der singende Wuschelkopf die Bühne betrat: Bob Dylan. Ihm wird eine fiktive Figur vorangestellt: Llewyn Davis (Oscar Isaac). Davis ist der nicht korrumpierbare Straßenkater-Typ, jüdisch, bohèmehaft, mit seiner akustischen Gitarre „on the road“. Er will „echte“ Folkmusik spielen.

Nur genau durch seine Sturheit scheitert er – am Publikumsgeschmack und der Plattenindustrie. F. Murray Abrahams hat hier einen wunderbaren Auftritt als Plattenlabel-Chef und Clubbetreiber: jovial im Stil, knallhart in der Sache und mit sicherem Instinkt, dass der Typ vor ihm zu idealistisch ist, also ein Loser! Damit hat der Film einen Antihelden, der vom Regen in die Traufe kommt und das Gegenteil des amerikanischen Traums verkörpert, der eben nur zu den Bedingungen des Marktes zu verwirklichen ist.

„Inside Llewyn Davis“ ist dabei auch ein Zeitporträt der frühen 60er, mit bildungsbürgerlichen Welten im Hintergrund, die sich von ihrer konservativen Haltung befreien. Llewyn wird als Künstlerfigur in die Salons zu Tisch gebeten, aber seine unverkauften Platten stapeln sich im Büro seines Agenten. Die geliebte Katze Ulysses des generösen Professorenvaters seiner Ex lässt er entkommen. Das Tier wird mit ihm unfreiwillig auf eine Odyssee gehen.

„Du bist König Midas’ Idioten-Bruder: Alles, was du anfasst, wird zu Scheiße“, sagt ein Freund, dessen Frau dieser Schlafvagabund geschwängert hat. Llewyn ist wie eine tragikomische Woody-der-Pechvogel-Figur, der nicht mal die Ausreise nach Europa gelingt. Am Ende bleibt die künstlerisch existenzielle Frage: Braucht glaubwürdige Musik ein glaubwürdiges Leben dahinter?

Kino: Arri, City (DF), Atelier und Studio Isabella (OmU), Leopold und Monopol (DF und OmU), Cinema (OF); B&R: Joel & Ethan Coen (USA, 105 Min.)

 

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