Kino Die Front verläuft quer durchs Leben

Auf dem riskanten Rückweg in die geräumten Palästinensergebiete wird Nawal (Lubna Azabal) fast selbst Opfer eines brutalen Überfalls auf den Bus, der sie zurück zu ihrem geheimen Sohn im Waisenhaus bringen sollte. Foto: Arsenal

„Die Frau, die singt” springt aus der Gegenwart zurück in die Zeit des Libanonkrieges und erzählt, wie Familienwunden nur durch Erkunden vielleicht überwunden werden können

 

Die Unfähigkeit zu Trauern diagnostizierten Pschologen uns Deutschen nach dem Krieg. Sie warnten vor Spätfolgen noch für unsere Kindeskinder, wenn man sich der Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne verweigert. Auch im Alten Testament gibt es Flüche, die auf Familien lasten bis ins „siebte Glied”. Und der kanadische Oscar-Einreichungsfilm „Die Frau, die singt” führt uns die ewig kriegsgeschundene Gegend des Nahen Ostens.

Im heutigen Kanada überreicht ein Notar nach dem Tod der Mutter den erwachsenen zweieiigen Zwillingen Briefumschläge: Sie sollen ihren – eigentlich totgesagten – Vater und einen nie erwähnten Bruder suchen. Schon in diesen ersten Szenen im Notarsbüro hat man Bruder (Maxim Gaudette) und Schwester (Mélissa Désourmeaux-Poulin) ins Gesicht geschaut und glaubt, eine frühe Verhärmtheit zu erkennen, als ob der Schatten auf der Vergangenheit der Mutter unbewusst auch das Leben der Kinder verdunkelt hätte. Erst macht sich die Tochter auf den Weg in den Nahen Osten, dann auch der Sohn.

Und in einer Montage aus verschiedenen Zeitebenen erleben wir die Entdeckung der Familiengeschichte – vor allem das Leben der Mutter, die als christliche Araberin zwischen die Fronten des Libanonkrieges gerät und sich grausam bizarr darin verwickelt. Ein leichtes Problem des Filmes ist, dass man fast ein Nahost-Experte sein muss, um den politisch-militärischen Überblick zu behalten. Aber wenn einem auch diese Zusammenhänge nicht ganz klar sind, die Schärfe der privaten Tragödie schält sich wie in einem guten Krimi immer klarer heraus.

Und es ist das klare Ziel dieses Films von Denis Villeneuve, kein Politfilm zu sein, sondern ein packender Schicksalsfil, der die Verwüstungen zeigt, die Krieg und Völkerhass im Menschen hinterlassen. Dabei sieht man auch gnadenlose Gewalt (wenn Flüchtlingsbusse abgefackelt werden, oder Heckenschützen Jagd auf Kinder machen). Aber nahe Brutalitätsbilder vermeidet der Film, ohne dadurch an Direktheit zu verlieren.

Kino: ABC, Eldorado, Neues Arena und Theatiner (OmU) R: Denis Villeneuve



 

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