Keine Angst vor dem Umbruch Tamara Dietl: "Digitalisierung? Alles eine Frage der Haltung!"

Sinn- und Wertecoach und Publizistin: Tamara Dietl. Foto: Christoph Soeder/dpa

Ein Gastbeitrag von Strategie-Beraterin Tamara Dietl (55): Warum wir keine Angst haben sollten vor dem digitalen Umbruch.

 

Als ich begann, mich intensiv mit der Digitalisierung und ihrer Wirkung auf unser Leben zu beschäftigen, erntete ich fast immer irritierte Blicke. Ich bin das Gegenteil von einem Nerd, Technik ist überhaupt nicht mein Ding! Meine Welt ist die der Sprache. Ich kann Artikel schreiben und Bücher, Vorträge halten und moderieren, aber bei jedem noch so kleinsten Problem mit meinem Computer rufe ich nahezu panisch nach der Hilfe meines IT-Experten.

Am treffendsten brachte es meine beste Freundin auf den Punkt: "Ausgerechnet du willst dich als Beraterin auf die digitale Transformation spezialisieren", fragte sie mit ebenso erstauntem wie spöttischem Unterton. "Ausgerechnet du, der ich noch vor kurzem erklären musste, wie eine Excel-Tabelle funktioniert?" "Ja", erwiderte ich ruhig und bestimmt. "Ja, ausgerechnet ich!"

Die Digitalisierung ist längst aus ihrer Technik-Nische entschwunden

Ich erklärte ihr, dass ich nicht trotz, sondern gerade wegen meines unterdurchschnittlich ausgeprägten Interesses für alles Technische dringend verstehen will, was da eigentlich gerade "draußen los ist" in unserer Welt.

Denn was noch vor kurzem aussah wie "nur" die Entwicklung einer neuen Kommunikationstechnologie, hat uns mit schwindelerregender Höchstgeschwindigkeit ins World Wide Web katapultiert. Die Digitalisierung ist längst aus ihrer Technik-Nische entschwunden und hat alle Bereiche des Lebens und unseres Alltags durchdrungen. Ja, das Internet ist zur Infrastruktur unserer Existenz geworden. Damit hat die Komplexität unseres Lebens eine neue Dimension erreicht. Und wenn wir nicht schleunigst beginnen, das zu verstehen, wird richtiges Handeln unmöglich – sowohl für jeden einzelnen von uns, als auch die gesamte Gesellschaft.

Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit erschüttert unser Weltbild

Bei genauer Betrachtung ist die ganz große Herausforderung nämlich weniger die Technologie der Digitalisierung als solches, sondern vielmehr ihre Folge – und die heißt Vernetzung! Also die technische Möglichkeit der Vernetzung von allem mit jedem überall und zu jederzeit. Dieser unendliche, vernetzte Austausch von Daten und Informationen – das ist die eigentliche, die ganz große Herausforderung unserer Zeit. Und zwar nicht nur technologisch, sondern in wirklich jeder Hinsicht.

Es ist eine fundamentale, ganzheitliche und evolutionäre Umwälzung der bestehenden Verhältnisse im Turbogang und im XXXL-Format, die uns den bisher (und vermeintlich) so stabil geglaubten Boden unter den Füßen ganz schön ordentlich ins Wanken bringt. Es ist die Unbeständigkeit (Volatility), die wir spüren, die Unsicherheit (Uncertainty), die daraus erwächst, die Komplexität (Complexity), die uns zu überfordern scheint und die Mehrdeutigkeit (Ambuigity), die unser Weltbild erschüttert. Es ist die VUCA-Welt, in der wir leben und in der alles mit allem zusammenhängt.

Wo nützt uns Menschen die Tecknik?

Wie wollen wir leben in dieser neuen Welt, in der wir kleine Geräte in Hosentaschenformat mit uns herumtragen, die uns überall und zu jeder Zeit mit der ganzen Welt verbinden? Was bedeutet es für unser Leben, wenn sich in diesen winzigen Wunderwerken der Zugang in ein fast grenzenloses Sammelsurium von Wissen, Dienstleistungen und Gegenständen auftut, das sich wie von Geisterhand öffnet, wenn wir es nur zart genug mit dem Finger berühren? Wie wollen wir leben, wenn das "Internet der Dinge" Realität wird und die zukünftigen digitalen Endgeräte dann nicht mehr Smartphone und Tablet heißen werden, sondern Auto und Waschmaschine?

Die Technik steht nämlich nur noch vermeintlich im Mittelpunkt dieser Entwicklung. Die zentrale Frage muss lauten, wo nützt uns Menschen die Technik? Und nicht mehr: Was ist technisch möglich? Das gigantisch-grenzenlose Netz kann uns das Leben enorm erleichtern. Es kann es uns aber auch bis an die Grenzen der Erschöpfung schwer machen. Und zwar dann, wenn es anfängt uns zu beherrschen, und wir die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung verlieren.

Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust als Grundproblem

Wenn wir uns in den Strudel dieser rasanten Entwicklung reißen lassen, ohne den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und sie immer und immer wieder auf einer ethischen und zivilen Grundlage zu reflektieren – dann kann es uns passieren, dass wir in diesem Strudel untergehen. Wir laufen aber auch dann Gefahr, darin unterzugehen, wenn wir uns mit aller Gewalt und störrischem Kulturpessimismus gegen diese Entwicklung stemmen; weil wir sie schon lange nicht mehr aufhalten können, und weil wir Komplexität niemals beherrschen werden.

Und genau hier liegt ein Grundproblem unserer Tage – das Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust. Das macht Angst. Und wirft Fragen auf: Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Wie bedroht ist meine Freiheit? Kann ich mit dem Tempo der Veränderung mithalten? Und was passiert mit all meinen Daten, die ich ununterbrochen ins Netz liefere? Wer nutzt sie für welche Zwecke?

Was ist richtig? Was ist falsch?

Wir haben es bei dieser Transformation mit einem extremen Wertewandel zu tun. Werte sind alle Gedanken und Ideen, denen wir große Bedeutung beimessen, die unsere täglichen Handlungen und Gedanken bestimmen. Man könnte auch sagen, dass Werte die Leitlinien unseres Lebens sind. Wenn sich unsere Umwelt also so massiv verändert, wie wir es gerade durch Digitalisierung erleben, verändern sich auch unsere Werte – sowohl unsere individuellen, als auch unsere gesellschaftlichen. Was ist richtig? Was ist falsch? Was ist gut? Und was schlecht?

Fragen, die früher leichter zu beantworten waren, damals, als die Welt zwar auch nicht in Ordnung war, aber wenigstens geordnet schien. Damals, als wir noch wussten, wohin wir gehören – nach West oder Ost, zu den Mächtigen oder den Ohnmächtigen, zu den Weltverbesserern oder zu denen, die die Welt zerstören; zu denen, die die Welt erklären konnten, oder zu den Ignoranten, die sowieso von gar nichts eine Ahnung hatten…

"Früher war irgendwie doch alles besser", meinte meine beste Freundin neulich, als wir über den rasanten Wandel der Welt sprachen. Sie ist wie ich 55 Jahre alt und wir hatten uns als junge Frauen geschworen, niemals in das kitschig-sentimentale Gejammer der älter werdenden Generation zu verfallen.

Entscheidend für den Umgang mit der digitalen Transformation ist unsere Haltung

"Nein", erwiderte ich. "Früher war nicht alles besser, sondern alles anders". "Hmm", überlegte sie eine Weile und sagte dann plötzlich: "Vielleicht ist es das beste Anti-Aging-Mittel, wenn gerade wir, die wir die alte Welt noch kennen, jetzt endlich Mitverantwortung übernehmen für das Gestalten der neuen Welt."

Was tun? Entscheidend für den Umgang mit der digitalen Transformation ist unsere Haltung. Und zwar die Haltung dem Neuen gegenüber. Der amerikanische Denker Anton Wilson unterscheidet zwischen neophoben und neophilen Menschen. Die Neophoben sind jene, denen das Neue Angst einjagt. Die Neophilen hingegen begegnen dem Neuen offen und mit großer Neugier.

Wenn ich mich mit einer neophilen Haltung der digitalen Transformation nähere, werde ich verstehen, dass die Bereitschaft zur Veränderung eine zentrale Kompetenz im Umgang mit der digitalen Zukunft ist. Und ich werde lernen, Ambivalenzen auszuhalten, mit Unsicherheit umzugehen, und dann erfahren, dass die zunehmende Komplexität auch große Vorteile hat; dass mit ihr auch sehr positive Werte wie lebenslanges Lernen, Kreativität, Kooperation, Weltoffenheit, Toleranz und Empathie einhergehen.

 

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