Kein Sicherheitsgefühl Die Angst der Münchner Juden und Muslime

Warum nur kommt es immer wieder zu rassistischer Gewalt? Ein selbstgemaltes Schild im Jahr 2017 am Olympia-Einkaufszentrum, wo 2016 Menschen ermordet wurden. Foto: Peter Kneffel/dpa

Bei einem Hearing im Alten Rathaus berichten Münchner, was sie in ihrem Alltag erleben – und fordern eine Reform bei der Polizei.

 

München – Vor Kurzem, sagt Nesrin Gül, sei sie mit ein paar Jungs aus ihrer Gemeinde in einem Burgerladen gesessen, als plötzlich einer ihrer Begleiter sagte: "Irgendwie fühle ich mich unwohl." Warum? "Wir haben alle schwarze Haare. Wir sind potenzielle Ziele", bekam sie zur Antwort. Und: "Mir wäre wohler, wenn hier auch ein paar Blonde säßen."

Menschen werden nur aufgrund ihres Aussehens angegriffen

Mit dieser Geschichte, sagt Gül, wolle sie darstellen, wie es um das Sicherheitsgefühl der alevitischen Community in München bestellt sei. Nämlich schlecht. Denn die Bedrohung durch rassistische Gewalt schwingt immer mit.

"Den Menschen", sagt sie, "ist klar, dass sie nicht Opfer werden, weil sie sunnitisch oder alevitisch sind, sondern weil sie aussehen, wie sie aussehen."

Wie sicher fühlen sich Juden und Muslime in München? Zu diesem Thema hat die Stadt am Donnerstag zu einem Hearing im Alten Rathaus geladen.

Nesrin Gül und Ugur Kör von der Alevitischen Gemeinde, Benjamin Idriz vom Münchner Forum für Islam und Jan Mühlstein von der Liberalen Jüdischen Gemeinde München sind gekommen, um von ihren Erfahrungen und Eindrücken zu berichten – und um Vorschläge zu machen, was getan werden muss, um das Sicherheitsgefühl der muslimischen und jüdischen Gemeinschaften zu verbessern.

Hanau, Halle, OEZ – Orte, die für viele zum Trauma geworden sind

Schnell wird dabei klar: Das Gefühl der Unsicherheit in den Gemeinschaften ist groß. Hanau, Halle, OEZ: Diese Worte fallen häufig in dem Hearing. Hinter jedem davon steckt ein Anschlag, ein Trauma für all jene, die potenziell von rechter Gewalt betroffen sein könnten.

"Bei Beth Schalom finden wir kaum noch Gemeindemitglieder, die bereit sind, den Medien mit Gesicht und Namen über ihr jüdisches Leben zu berichten", erzählt Jan Mühlstein von der Liberalen jüdischen Gemeinde München. Und auch Benjamin Idriz berichtet von zunehmender Verunsicherung unter den Münchner Muslimen.

Was kann die Stadt tun, um das Sicherheitsgefühl zu verbessern? Fast alle der Anwesenden wünschen sich einen festen Ansprechpartner bei der Polizei. Denn, da ist man sich einig: "Hin und wieder eine Streife vorbeischicken" reiche häufig nicht aus, um das Sicherheitsgefühl zu gewährleisten.

Das Vertrauen in die Polizei ist angeschlagen

Klar wird jedoch auch, dass das Vertrauensverhältnis zwischen der Polizei und den Gemeinschaften teilweise nicht das Beste ist. Einer der Zuhörer berichtet nach dem Hearing davon, wie er tagelang erfolglos versucht habe, Polizeischutz für eine von ihm mit ausgerichtete Veranstaltung zu erhalten. "Ich sagte, es seien auch Mitglieder der israelitischen Gemeinde anwesend", berichtet er. "Da kam dann die Rückfrage: Wird die Vorsitzende da sein?" Er wollte wissen: "Ab wann sind wir für euch wirklich schützenswert?" Zwei Tage später sei der Anschlag in Hanau passiert.

"Was helfen könnte", sagt Nesrin Gül, "wären Clearing-Stellen für Polizistinnen und Polizisten." Das wäre auch ein Gewinn für die Münchner Polizei: Wenn all jene, die Rassismus nicht dulden wollen, Meldung erstatten könnten, ohne als Nestbeschmutzer wahrgenommen zu werden."


Benjamin Idriz: "Viele Frauen betroffen"

Benjamin Idriz, Münchner Forum für Islam: "Musliminnen und Muslime in München sind zunehmend verunsichert. Man hört häufig von Angriffen, München ist dabei keine Ausnahme. Verbale und nonverbale Angriffe auf kopftuchtragende Frauen sind symptomatisch für Entwicklungen, die nicht nur ein schlechtes Bauchgefühl verursachen, sondern dem Image des Landes schaden. Es häufen sich islamfeindliche Kommentare und Angriffe im Alltag. Besonders sichtbar muslimische Frauen sind davon betroffen: Einer Frau mit Kopftuch wurde vor kurzem auf der Leopoldstraße mit einem nächsten Christchurch gedroht.

Nach den Anschlägen von Halle und Hanau haben unsere Mitglieder zunehmend Angst. Wer stellt sicher, dass so etwas nicht in München passiert? Einige schicken ihre Kinder nicht mehr zum Unterricht in die Moschee. 2019 gab es im Schnitt zwei Angriffe pro Woche auf eine Moschee in Deutschland. Wenn sich Muslime und Juden, die in München hier daheim sind, nicht mehr sicher fühlen, dann ist das mehr als beunruhigend und schadet dem Frieden in der Stadt."


Jan Mühlstein: "Bedrohung wächst"

Jan Mühlstein, Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom: "In der Vergangenheit haben Besucher unserer Gemeinde oft gefragt, ob das wirklich sein muss: Polizei vor dem Gebäude, eine Sicherheitsschleuse und eine Videoüberwachung des Eingangs. Durch den Anschlag auf die Synagoge in Halle im letzten Herbst, der uns erschüttert, aber nicht überrascht hat, wurde die Berechtigung dieses Sicherheitskonzepts bestätigt.

Nach ,innen’ haben die Anwesenheit der Polizei und all die Schutzmaßnahmen eine zweischneidige Wirkung: Einerseits erhöhen sie das Sicherheitsgefühl unserer Gemeindemitglieder, andererseits sind sie aber eine ständige Erinnerung an die bestehenden Gefahren, denen Jüdinnen und Juden auch außerhalb des Schutzbereichs der Gemeinde ausgesetzt sind.

Jüdinnen und Juden nehmen auch in München eine wachsende Bedrohung durch Antisemitismus wahr. Das führt dazu, dass viele ihr Jüdisch-Sein in der Öffentlichkeit, zunehmend aber auch am Arbeitsplatz, in der Schule und im erweiterten privaten Umfeld verstecken."

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