Kein Mord, keine Verdächtigen, keine Auflösung TV-Kritik zum Frankfurt-Tatort: "Der Turm" - Krimi ohne Krimi-Elemente

Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) kommen in diesem "Tatort" nicht sonderlich weit. Foto: Bettina Müller/HR/Degeto/ARD/dpa

Der Tatort: "Der Turm" am zweiten Weihnachtsfeiertag ist besonders, denn er entfernt sich komplett von der klassischen Krimi-Dramaturgie. Ein guter Fall aus Frankfurt.

 

Spoiler-Warnung: Dieser Artikel gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung und das Ende des Frankfurter "Tatort: Der Turm". Wenn Sie nichts verraten haben wollen, lesen Sie den Text erst nach Ende der Ausstrahlung (20.15 - 21.45 Uhr, ARD).


Mord, Ermittlung, Verdächtige, Auflösung: Das sind die gewöhnlichen Elemente eines Krimis, die Sonntagabend für Sonntagabend und Tatort für Tatort durchdekliniert werden. Bei "Der Turm" aber auf bemerkenswerte Weise nicht: Der Film fühlt sich zwar neunzig Minuten lang an wie ein Tatort. Doch bei genauerer Betrachtung fehlt nicht nur eines der typischen Elemente. Alle fehlen.

Es sieht zwar nach Mord aus, als die junge Frau nach einem Fall aus großer Höhe auf der Straße liegt. Aber der Gerichtsmediziner diagnostiziert, dass sie bereits tot war, bevor sie fiel, und dass sie mutmaßlich bei einem Sexunfall ums Leben kam. Schön ist's nicht gerade, dass irgendjemand die tote Prostituierte, warum auch immer, aus dem Fenster warf. Aber ein Mord ist es eben auch nicht.

Frankfurt-Tatort: Der Turm - Kommissare tappen im Dunkeln

Brix (Wolfram Koch) versucht dann zu ermitteln, und seine Kollegin Janneke (Margarita Broich) springt ihm bei, obwohl sie nach einer Attacke am Tatort ein Schädel-Hirn-Trauma hat und die Ärzte sie für verrückt halten, als sie das Krankenhaus eigenmächtig verlässt. Aber nach neunzig Fernsehminuten tappen die beiden noch immer völlig im Dunkeln. Der titelgebende Finanzturm bleibt für sie eine uneinnehmbare Festung, die Menschen darin ungreifbar, unerreichbar, auch weil die Staatsanwaltschaft sie wohl behindert. Die Kommissare haben bis zum Ende keinen einzigen Verdächtigen. Und so endet dieser Tatort ohne Auflösung.

So ist dieser Tatort besonders, zumal er trotz all der Leerstellen (und manch holpriger und unlogischer Stelle) genauso spannend oder unspannend ist wie die meisten anderen Tatort-Fälle. Und eines gibt es auch hier durchaus: das Böse, Amoralische. Das wird hier nicht von einem Mörder repräsentiert, sondern von der gesamten Welt der Hochfinanz.

Der Drehbuchautor und Regisseur Lars Henning zeichnet diese Welt so unsichtbar und unantastbar, wie sie offenbar für Politik und Gesellschaft weitgehend ist. Dieser Turm, der die Finanzwelt verkörpert, steht im Film wie ein riesenhaftes, fremdes, bedrohliches Raumschiff mitten in unserer Welt, aber darin gelten eigene Regeln, und was darin passiert, bleibt für die Außenwelt ein Rätsel.

 

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