Kein Altenheim, keine Altenpflege Wohngemeinschaft für Senioren: Wir gehen in die Alten-WG!

Wollen Senioren-WG gründen: Annette Hilbert, Anke Fuhrmann, Markus Kapuste, Angelika Geißler, Wiebke Sumfleth, Angelika Zenati (v.l.). Holzbauweise (wie im Hintergrund) käme für sie durchaus in Frage. Foto: Daniel von Loeper

Kein Altenheim, keine Altenpflege! So lautet das Motto einer zwölfköpfigen Gilchinger Senioren-WG, die sich gerade formiert.

 

München - Für Markus Kapuste hat sich seine Initiative jetzt schon gelohnt. Der kinderlose Gilchinger Sozialpädagoge war Single, als er das Projekt "Wohnen mit Herz" gründete. Vor etwa drei Jahren war das. Und während er nach Mitstreitern suchte, die sich für eine große 55-Plus-WG interessierten, lernte er seine jetzige Partnerin kennen, die Industriekauffrau Angelika Zenati. Dabei war es gar nicht Kapustes Ziel, eine neue Partnerin zu finden. Er war ohnehin skeptisch, ob er sich jemals wieder fest binden würde.

Zukunftsplanung: Gründung von Wohnen mit Herz e.V.

Sein Motiv war ein anderes, er hatte einen Schlüsselmoment im Jahr 2016. "Ich besuchte gerade meine Mutter in Dachau", erinnert sich Kapuste. Mindestens einmal pro Monat tut er das. "Und mindestens einmal im Monat telefonieren wir", sagt Kapuste. Das halte er immer ein, einfach seiner Mutter zu Liebe.

Doch als Kapuste, damals Anfang 50, vor drei Jahren mit seiner Mutter am Esstisch saß, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: "Wie möchtest du eigentlich selbst mal leben, wenn du so alt bist wie deine Mutter? Das könnte ganz schön einsam werden, so ganz ohne Kinder."

Der Gedanke beschäftigte Kapuste sehr. Dann, nach einigen Wochen, war ihm klar, dass er am liebsten in einer WG seinen Lebensabend verbringen würde, gemeinsam mit Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind. Kapuste hat schon in einem Mehrgenerationen-Haus in Niederbayern gewohnt und fand das Leben dort an sich sympathisch. Also fasste er einen Entschluss und gründete einen Verein: Wohnen mit Herz e.V.

Senioren-WG: Unabhängigkeit von den Kindern

Kapuste warb für die Idee einer Senioren-WG und hatte schnell Menschen um sich, die das genauso sympathisch fanden, wie er selbst. Eines der Treffen fand in München statt, in einem der Räume des Selbsthilfezentrums. "Wir wollten auch Münchner anwerben, die aus der Stadt rauswollen", sagt Kapuste, frei nach dem Motto: "Das Beste kommt zum Schluss." Kapustes Lebensgefährtin Zenati, die sich auf ein drittes Enkelkind freut, sagt: "Auch wenn man eine große Familie hat wie ich, ist so eine Alters-WG interessant. Ich möchte mich einfach nicht abhängig machen von meinen Kindern. Freiheit für alle Beteiligten!"

Mittlerweile zählt der Verein zwölf Mitglieder, mit einem Jahresbeitrag von 50 Euro, und trifft sich einmal monatlich in Gilching. Derzeit ist Kapuste der einzige Mann, weshalb neue männliche Mitglieder herzlich willkommen seien, die so eine WG 55Plus ernsthaft und leidenschaftlich mitgestalten wollen.

Die Software-Entwicklerin Annette Hilbert etwa ist völlig einer Meinung mit Kapuste und sagt: "Immer, wenn ich jemanden im Altenheim besuche, kommt mir das vor, als ob ich in einer Aufbewahrungsanstalt wäre. So möchte ich auf keinen Fall meinen Lebensabend verbringen."

Pflegepersonal, Künstler und Musiker willkommen

20 Mitglieder soll die WG der Zukunft umfassen. "Es dürfen übrigens auch Menschen sein, die mit Pflegestufe eins oder zwei leben", sagt Kapuste, "das ist ja die Idee hinter dem Konzept. Es soll Altersheim oder Pflegeheim bis zu einem bestimmten Grad ersetzen. Falls notwendig, könnten wir sogar Pflegepersonal einstellen. Alles ist denkbar. Wir wollen füreinander da sein." Gerne dürften es auch Künstler oder Musiker sein. "Sie könnten dann im Haus ihre Werke ausstellen oder eben für musikalische Höhepunkte sorgen", so Kapuste.

Das Füreinander-da-sein habe schon jetzt begonnen, obwohl noch nicht klar ist, in welchem Gebäude die WG irgendwann einmal einziehen wird.

"Letztens wurde ein Vereinsmitglied an der Hüfte operiert. Da haben wir uns ganz selbstverständlich zusammengesetzt und eine Karte geschrieben, mit Genesungswünschen", sagt Kapuste. Das sei eine kleine, aber wichtige Geste, damit man sich eben nicht alleine fühle.

Senioren-WG auf der Gilchinger Glatze geplant

Die Wohnanlage muss barrierefrei sein – man weiß ja nie, was kommt Noch wohnen alle Mitglieder des Vereins alleine. Doch es sind bereits einige Objekte und Grundstücke in die engere Auswahl gerückt. "In drei bis fünf Jahren wollen wir in unserer WG einziehen, da sind wir zuversichtlich", sagt Kapuste. Drei Pläne verfolgt die Gruppe derzeit: Sie favorisieren eine Wohnanlage auf der so genannten Gilchinger Glatze, wo bald insgesamt 1.400 Wohnungen entstehen sollen.

"Noch wächst da Weizen", sagt Kapuste, aber man sei bereits in Verhandlungen. Das wäre auch deshalb der Idealfall, weil die Wohngemeinschaft ein Gebäude ganz nach den eigenen Bedürfnissen bauen lassen könnte. Nicht so anonym wie eine Hotelanlage mit eigenen Zimmern, aber auch nicht so nah beieinander wie in einer klassischen Studenten-WG.

Barrierefrei müsse die Wohnanlage vor allem sein. "Wer weiß, ob wir alle im Alter noch voll mobil sind", sagt Kapuste.


Weitere Infos zum Projekt und Kontaktmöglichkeit: www.wohnen-mit-herz.de oder per Mail wmh-info@web.de

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