Kehraus unter Tränen Nach 45 Jahren: Das Schwabinger Podium ist Geschichte

Der letzte Abend im Schwabinger Podium. Foto: Sigi Müller

Fast 45 Jahre hat im Podium Live-Musik gespielt. Am Dienstagabend war damit in Altschwabing endgültig Schluss.

The Public kommen zum Schluss auf 286 Auftritte. Es folgen Midlife Crisis (200 Auftritte), Thunderbirds (146), Trouble Boys und Jazzkids (je 144), Blue Heaven und The Spoon (je 132), Isar Rider (115), United Crash (102) oder Ten Dollar (89). Die Top Ten der Band-Auftritte im Podium (seit 2004, davor wurde einfach noch nicht gezählt) lesen sich wie ein Who-is-who der Rock-, Dixie- und Oldie-Szene Münchens. am Dienstagabend war damit erst mal Schluss: Der letzte Abend in der wohl legendärsten Altschwabinger Musikkneipe. Nach fast 45 Jahren schloss das Podium seine Pforten. Ein Kehraus unter Tränen.

Seit 1972 gab es hier Live-Musik in Wohnzimmer-Atmosphäre, haben sich hier stadtbekannte Bands wie die Trouble Boys (die hier quasi Heimrecht hatten) und auch neue Bands und musikalische Talente den Münchnern präsentiert.


Dieses Bild im Podium zeigt noch das alte Altschwabing – vieles ist längst verschwunden. Foto: Sigi Müller

Viel ist hier passiert im Laufe der Zeit. Irgendwann wurde – natürlich – die laute Musik zum Problem, weshalb eine Zeit lang die Bands mit verordnetem "Limiter", einem Gerät welches die Musik nur bis zu einer gewissen Lautstärke zulässt, spielen mussten. Aufwendig wurden die Räume dann schallisoliert. Und die Musiker kämpften für ihren Club, spielten eine Woche ohne Gage – und spendeten so für den Umbau.

Als mal ein kleiner Bub eine Knochenmarkspende benötigte, rückte man im Podium wieder zusammen, es wurde gesammelt und die Bands verzichteten wieder auf die Gagen. Legendär war der letzte Abend, der letzte Song "Purple Rain", der bestimmt 30 Minuten dauerte und alle Musiker der Woche abwechselnd auf die Bühne gingen und ohne Unterbrechung spielten. Vorbei.

2014 wurde der Altbau gekauft - seitdem schwingt die Abrissbirne

Ja, sogar renoviert wurde das Podium vor vielen Jahren einmal – alle Klosprüche fielen der Pinselei zum Opfer. Aber nicht lange. Der erste neue Spruch auf blütenweißer Wand lautete: "Klowände weißeln ist wie Bücher verbrennen." Da war er wieder, der alte Schwabinger Kampfgeist.

Letzterer hat dem Podium zum Schluss nichts mehr genutzt. Seit ein früherer BMW-Finanzvorstand das Haus 2014 gekauft hatte, schwingt die Abrissbirne über dem Altbau an der Wagnerstraße. Es soll plattgemacht und durch einen Neubau ersetzt werden.


Günther Sigl (Spider Murphy Gang) bei einem Gastauftritt 2014. Foto: Sigi Müller

Dass die Stadt den Ensembleschutz ausgeweitet und den Abriss untersagt hat, ist der vorläufig letzte Akt in dem Drama. Klar, dass der Eigentümer dagegen klagen möchte. Doch die Galgenfrist nutzt dem Podium nichts. Am Aschermittwoch ist in Altschwabing alles vorbei.

Das Podium ist tot - es lebe das Podium

Wie in so vielen Schwabinger Live-Schuppen: Das Domizil in der Leopoldstraße, die Schwabinger 7 in der Feilitzschstraße – alle Vergangenheit. Erinnert sich noch wer an die Juke Box am Wedekindplatz, wo die Spider Murphy Gang den Laden regelmäßig rockte? Heute ist hier McDonald’s drin. So viel zum Thema Altschwabinger Wandel.

Das Podium ist tot – es lebe das Podium: Renate und Fredl Vogel mit ihrem Sohn Michi ziehen jetzt raus nach Allach. In der "Schießstätte" mit Saal und Biergarten soll’s im alten Stil am neuen Ort weitergehen – mit viel Altschwabinger Gefühl und Erinnerungen. Mal schauen, ob’s klappt.


Machen in Allach weiter: Wirtin Renate Vogel (Mitte) und Sohn Michi. Foto: Sigi Müller

 

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