Karl von Feilitzsch Das Jazz-Oratorium "Apokalypse" im Herkulessaal

Der Komponist Karl von Feilitzsch. Foto: Archiv Angela von Wallwitz

Karl von Feilitzschs Jazz-Oratorium „Apokalypse“ als Wiederentdeckung im Herkulessaal

 

Das Stück ist so sperrig wie sein Schöpfer. Karl von Feilitzsch protestierte in der Wirtschaftswunderzeit mit seiner „Grünen Aktion“ gegen die Zerstörung der Natur und der bayerischen Heimat. Als Komponist hat er konsequenterweise dann auch eine „Apokalypse“ hinterlassen, die musikalisch mit Bayern und einem landläufigen Verständnis von Romantik meilenweit entfernt ist.

Im Herkulessaal war Feilitzschs Hauptwerk dank der Initiative seiner Tochter Angela von Wallwitz gleich zweimal zu hören: Erst als Musik zum pessimistischen Kunst-Kurzfilm von Gisbert Hinke aus dem Jahr 1955, der mit einem Atompilz endet. Dann in voller, etwa 80-minütiger Länge als Jazz-Kantate nach der Offenbarung des Johannes.

Die Form mit Chören, Chorälen und Arien erinnert an Bach, die Orchesterbesetzung mit Bläsern, Klavier und Schlagzeug an Kurt Weills „Dreigroschenoper“. Der Tonfall ebenfalls, nur ist er, dem biblischen Stoff entsprechend, nicht so schnoddrig. Müsste man raten, würde man die „Apokalypse“ am ehesten dem Brecht-Kumpan Paul Dessau oder einem undogmatisch linken Protestanten aus der DDR zutrauen, keinesfalls aber einem gebürtigen Münchner, der Kurse bei Hans Pfitzner besuchte.

Guttenbergs Dirigierlehrer

Feilitzsch zwang einen Evangelisten als Sprecher (Stefan Wilkening) recht geschickt mit zwei Sängern (Christian Rieger, Jürgen Sacher) und einer Sängerin (Elna Lindgens) zusammen. Wieso der zweite Sprecher mit einem damals ungebräuchlichen Countertenor (Christopher Robson) besetzt war, erschloss sich ebenso wenig wie die blecherne Verstärkung, die recht lärmig die Textverständlichkeit minderte.

Als der „dünne gewordene“ Evangelist von „verstörten Städten“ sprach, wurde unmittelbar deutlich, dass diese „Apokalypse“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen Nerv treffen konnte. Wenn am Ende ein ruhiger Tanz die Wiederkunft des Herrn und die baldige Erlösung verspricht, erinnert dieser Verzicht auf jedes romantische Pathos ein wenig an die Kälte der zeitgleich entstandenen „Trümmerliteratur“. Für den heutigen Hörer geht das Werk trotz Rumba, Blues und Boogie-Woogie mit dem heikelsten Teil des Neuen Testaments arg zahm um.

Das von Patrick Hahn geleitete Orchester setzte sich aus Mitgliedern der Klangverwaltung zusammen, die eng mit dem verstorbenen Enoch zu Guttenberg verbunden war. Der lernte bei Feilitzsch das Dirigieren, was mag angesichts des Jazz der „Apokalypse“ auf den ersten Blick überraschen mag. Aber das Rebellische und die Wut über die Zerstörung der Natur verband sie. Eine Form des die Schöpfung bewahrenden Konservatismus, die heute wichtiger wäre als je zuvor, aber leider fehlt.

 

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