Karl May zum 100. Todestag Die Friedensbotschaft des genialen Chamäleons

Eine Büste von Karl May in der Villa Shatterhand des Karl-May-Museums in Radebeul. Der Sachse gilt als der meist gelesene deutsche Schriftsteller. Foto: dpa

Nie wieder Alltag - warum Karl May zu den Unsterblichen der deutschen Literatur gehört

 

Dass Winnetou und Old Shatterhand noch immer bekannt sind, ist eine kleine Sensation. Ein Phantasieindianer und ein sogenannter Westmann deutscher Herkunft, der mit einem speziellen Jagdhieb Feinde kampfunfähig macht, wirken zuerst komisch, wenn nicht grotesk. Aber es hat mit Winnetou und Old Shatterhand, den berühmtesten Gestalten aus dem figurenreichen Kosmos des Schriftstellers Karl May, der 1842 im erzgebirgischen Weberstädtchen Ernstthal geboren wurde und vor hundert Jahren am 30. März 1912 in Radebeul bei Dresden starb, eine andere Bewandtnis. Erst recht mit dem sächsischen Phantasten, der es vom bettelarmen Weberssohn zum erfolgreichen Bestsellerautor brachte.

Dabei sah es anfangs so aus, als ende May als junger Mann schnell in einer Karriere als Betrüger und Hochstapler. Die Taten waren eher skurril, ihr Schadenswert gering - nach heutigem Geld zwischen 400 und 800 Euro -, brachten ihn aber insgesamt acht Jahre hinter Gitter. Doch May verließ die Strafanstalt geheilt und verfolgte nun unbeirrt die Idee, Autor zu sein unter allen Bedingungen. Er schrieb fünf gewaltige Kolportageromane von mehr als 20000 Seiten, verfasste Ratgeberliteratur, schrieb informative Geographieartikel und konzipierte einen über viele Zeitschriftennummern gehenden Fortsetzungsroman, der vom Balkan bis in die arabische Wüste führt. Und das alles nicht zeitlich hintereinander, sondern neben- man möchte sagen, übereinander.

Dabei benutzte May für jedes Genre einen eigenen Ton, vermochte er auch in verschiedenen Graden der Komplexität zu schreiben. Später kamen zahlreiche Werke dazu. Allein die unglaubliche Schreibleistung bleibt bewunderungswürdig genauso wie die Kraft, Figuren wie eben Winnetou und Old Shatterhand mit solcher Vitalität auszustatten, dass sie auch jenseits ihres Erfinders leben und in den Schatz mythischer Figuren eingegangen und unsterblich geworden sind.

Das riesige Werk Mays wurde ein Verkaufserfolg auch nach seinem Tode, er stieg zum meistgelesenen Autor deutscher Sprache auf. Zwar sinken die Leserzahlen inzwischen, Winnetou und Old Shatterhand leben längst in Gestalt ihrer Darsteller Pierre Brice und Lex Barker aus den Karl-May-Filmen der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Doch May ist auch ein vielfältig erforschter Gegebstand bei Literatur- und Sozialwissenschaftlern, Theologen, Historikern, Psychoanalytikern, Völkerkundlern und Medienforschern. Indem er vorgab, alles selbst erlebt zu haben auch die aberwitzigsten Kämpfe im Wilden Westen oder im Orient, indem er zielstrebig sein Phantasiereich errichtete und darin als Völkerfreund und Friedensstifter auftrat, konnte er jene die Leseraufmerksamkeit aufsaugende Identifikationskraft entfalten, die seinen Welterfolg ausmacht.

Mays Gegenwärtigkeit liegt in der Macht der Identifikation und in der von keinen Vorbehalten bedrängten Absolutheit, Botschaften zu haben. Deren wichtigste ist Friedensliebe. Nur ein Beispiel: Als Anfang des 20. Jahrhunderts eine Umfrage unter deutschen Autoren stattfand, was man gegen die Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen tun könne, antwortete allein May zukunftsweisend: man solle eine zweisprachige Zeitschrift gründen, die in den Schulen beider Länder verbreitet würde zum gegenseitigen Kennenlernen. Das klingt nach einer Vorform von Arte.

Und in seinem letzten Roman „Winnetou IV“ entwickelt er die Idee der Rassenverbrüderung ganz gegen die Reinheitslehren rechtsradikaler Rassisten nicht nur seiner Zeit. May nahm sich stets exemplarisch, also war er auch Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Als er die Identifizierung übertrieb und Autogrammfotos im Abenteurerkostüm verteilen ließ, wurde es eng. Man konfrontierte ihn mit der kriminellen Vergangenheit, überführte ihn der reinen Erfindung und prozessierte mit ihm.

Doch May deutete die Jugendsünden um in symbolische Aktionen, ja er erklärte sein ganzes bisheriges Werk zur symbolischen Aktion. Das ist modern, kein Wunder, dass manche ihn für den ersten Popstar deutscher Literatur halten. Die vielfältige Begabung dieses sonderbar originellen Schriftstellers hat es ihm ermöglicht, sich selbst gleichsam stets neu zu erfinden. Darin ist er ein vitales Exempel für kreatives Lernen und Leben gegen alle Widerstände.

Mag sein direkter Massenerfolg nachgelassen haben, der sächsische Phantast bleibt höchst lebendig. Wer immer sich mit Karl May und dessen literarisch raffiniert ins Werk gesetzten Mythenreich beschäftigt, kann etwas einzigartiges lernen, nämlich, was es heißt, sich immer wieder zu erneuern im Sinne des Mottos „nie wieder Alltag“ .

Der Autor schreibt als Musikkritiker für die "Süddeutsche Zeitung". Er ist ein Karl-May-Kenner aus Passion.

 

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