Karl der Große hat 1200. Todestag Karl der Große: Sachsenschlächter und Vater Europas?

Die Büste Karls des Großen in der Domschatzkammer in Aachen. Foto: dpa

Heiliger und Imperator: Karl der Große hat seinen 1200. Todestag. Johannes Fried hat eine großartige Biografie dazu geschrieben.

 

Als Kaiser Karl am 28. Januar 814 in seiner Lieblingspfalz Aachen nach einer Regierungszeit von 46 Jahren starb, war er noch nicht „der Große“. Erst um die Jahrtausendwende hieß er unangefochten „Karolus magnus“. Damit hatte er die letzte Stufe einer fast beispiellosen historischen Heroisierung erklommen. Sie macht es den Mittelalter-Spezialisten besonders schwer.

Nichts Gewisses weiß man nicht? Und trotzdem eine wunderbare Biografie

Was verbirgt sich hinter dem Sagenhelden, der unter Friedrich Barbarossa 1165 auch noch zur Ehre der Altäre erhoben wurde? „Eine Karlsbiografie in modernem Sinne ist unmöglich“, erklärt Johannes Fried, der renommierte Historiker, die Erwartungen neugieriger Leser vorsorglich dämpfend, schon auf einer der ersten Seiten seines zum 1200. Todestag erschienenen monumentalen Karls-Buches (Johannes Fried: „Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biographie.“ Verlag C.H. Beck, 736 Seiten, 29.99 Euro).

Europa? Gesellschaft? Kaiserreich? Alle diese Begriffe gab es noch gar nicht

Die Überlieferungslage ist miserabel, nicht einmal das Geburstsdatum (748) ist gesichert. Die für uns selbstverständlichen Abstraktionen, mit denen wir die Vergangenheit zu begreifen glauben, sind irreführend; denn es gab im 8. und 9. Jahrhundert keine Allgemeinbegriffe wie „Gesellschaft“, „Herrschaftsverband“, „Lehnswesen“, „Reich“ etc. Wie es dem Autor gelingt, aus zahllosen Spurenelementen dann doch ein glaubwürdiges Mosaik zusammenzusetzen, aus dem uns nicht nur die Gestalt, sondern auch die Person des Herrschers und das Gesicht seines Frankenreiches entgegenblicken, ist die Leistung bewundernswerter Meisterschaft.

Lerneffekt und Lesevergnügen

Zum hinreißenden Lese-Erlebnis kommt der Lern-Effekt. Für mich waren 14 Lektüretage nicht verloren. Mit dem Namen des Kaisers hatte ich reflexhaft bestimmte Zuschreibungen verbunden, z. B. „Sachsenschlächter“, „Kulturerneuerer“, „Vater Europas“. Solche Titel, erfährt man, stimmen nur sehr partiell. Der „Sachsenschlächter“ ist eine Nazi-Vokabel, die Karl zum „Römling“ und Verbrecher an der nordischen Rasse stempeln sollte. Die gewiss großartigen Impulse des Karolingers zur kulturellen Entwicklung des lateinischen Westens (Rückgriff auf die antiken Grammatiker und Rhetoriker, Erneuerung der Klosterkultur, Förderung des Schulwesens, Schrift- und Kalenderreform) waren ausschließlich vom Willen zur Vereinheitlichung und Vertiefung des christlichen Glaubens motiviert; die Absicht war also viel beschränkter als die Wirkung.

Vernunft war kein Widerspruch zur Religion

Die Wiedergeburt vernunftbetonten Denkens stand im Dienst der Kirche. Dass diese Vernunft sich einmal gegen ihr Credo richten könnte, lag außerhalb der Vorstellungshorizontes. Und „Vater Europas“ konnte weder Charlemagne noch Karl der Große zumindest intentional schon deswegen nicht sein, weil er und seine intellektuellen Berater (wie der große Angelsachse Alkuin oder der Ostgote Theodulf), schon gar nicht die Päpste Hadrian und Leo den Begriff Europas kannten.

Der Leser erlebt das Leben Karls des Große mit

Der Leser erlebt, wie Karl sein ungeheures Reich erwarb, organisierte, gegen fortwährende Bedrohung schützte, wie er den Kampf gegen das Heidentum führte und immer wieder verlor, wie in der Aachener Pfalzkirche „Herrschertum und Heilswissen, römische Liturgie und rechtes Bekenntnis“ sich triumphierend vereinten, freilich im Zeichen der Gewissheit vom nahe bevorstehenden Weltende (der ganze Bau war endzeitlich durchkomponiert), und wie bereits Karls Erbe Ludwig das Reich des Vaters in Bruderkrieg, Chaos und Untergang stürzte. Jede Heldengeschichte endet als Tragödie.

 

2 Kommentare