Interview nach Netanjahu-Karikatur Dieter Hanitzsch bei der AZ: "Zurück zu den Wurzeln"

"Die Karikatur ist für eine freie Gesellschaft lebensnotwendig": Dieter Hanitzsch daheim in seinem Atelier, das er lieber seine "Werkstatt" nennt. Foto: dpa

Dieter Hanitzsch zeichnet ab sofort für die AZ. Hier erklärt der Karikaturist, wie es dazu gekommen ist – und wie er die Debatte um seine Netanjahu-Zeichnung inzwischen einordnet

AZ: Herr Hanitzsch, Sie haben nach eigenen Schätzungen in Ihrem Leben 15.000 Karikaturen gezeichnet. Eine einzige hat dann einen tiefen Einschnitt in Ihrem Berufsleben hinterlassen. Nach einer Karikatur über Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu hat die "SZ" die Zusammenarbeit mit Ihnen beendet.
DIETER HANITZSCH: Ich hatte das Thema meiner Zeichnung – Netanjahu politisiert den ESC – mit der Redaktion abgestimmt. Es wurde für gut befunden. Ich zeichnete Netanjahu im Kostüm der israelischen ESC-Gewinnerin Netta, eine Rakete in der Hand haltend. Israel ist ein verfolgtes und von Gegnern bedrohtes Land und muss wehrhaft sein – aber Netanjahu rasselt für meine Begriffe ein bisschen zu sehr mit dem Säbel Richtung Iran. Das sollte diese Rakete symbolisieren. Als ich meine fertige Zeichnung an die Redaktion geschickt hatte, bekam ich als Antwort zurück: "Wunderbar. Danke." Am nächsten Tag ist das Blatt dann erschienen.

An Ihrer Darstellung Netanjahus hat sich lauter Protest entzündet. Sie hätten Netanjahus Nase und Ohren grotesk überzeichnet – so, wie es in der antisemtischen Nazi-Zeitung "Der Stürmer" üblich war.
Der Vorwurf, ich hätte innerhalb dieser Zeichnung mehrere antisemitische Symbole verwendet, unter anderem den Davidstern, die zu großen Ohren und Nase und aufgeworfenen Lippen, kam gleich am Tag des Erscheinens. Da wehrte ich mich: Ich habe einfach eine Karikatur gemacht – und der Herr Netanjahu schaut eben so aus. Ein Karikaturist ist kein Schönheitschirurg. Ich habe auch gesagt, Netanjahu schaue nun mal nicht aus wie George Clooney und anders könne man ihn nicht zeichnen. Internationale Kollegen zeichnen ihn zum Teil noch schlimmer. Das war keine bösartige Darstellung und ganz sicher keine antisemitische.

Sie kannten aber doch die Klischees und Typologien des "Stürmers" , oder?
Natürlich. Deswegen ist dieser Vorwurf so ungeheuerlich. Es ist der schlimmste, den man einem Karikaturisten machen kann. Nicht nur in Deutschland, sondern überall.


Gespräch im Garten: Dieter Hanitzsch (l.) mit AZ-Chefredakteur Michael Schilling. Foto: Martina Artmann

Ausgerechnet Dieter Hanitzsch – ein Antisemit?
Dieser Vorwurf, immerhin, kam nicht. Im Gegenteil. Der stellvertretende Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Yehoshua Chmiel, sagte danach in einer gemeinsamen Fernsehsendung zu mir: "Wenn ich annehmen würde, dass Sie ein Antisemit sind, würde ich nicht hier mit Ihnen am Tisch sitzen." Einen Regierungschef, der sich des ESC bemächtigt, um seine Politik besser darzustellen, so abbilden zu dürfen, ist aus meiner Sicht unstrittig.

"Mich hat das alles sehr getroffen. Das muss ich zugeben"

Wie sehr hat diese Debatte Sie getroffen?
Der Vorwurf, ich hätte antisemitische Stereotype verwendet, hat mich umso schwerer getroffen, weil ich es ja in keiner Weise vorhatte. Ich bin wirklich kein Antisemit. Im Gegenteil. Ich finde den Kampf des israelischen Volkes für sein Land vollkommen richtig. Natürlich haben die ein Recht, sich zu verteidigen. Nur wenn man als Karikaturist die israelische Politik, wie sie geführt wird, kritisieren möchte, darf man nicht mit dem Fallbeil Antisemitismus davon abgehalten werden.

Erfuhren Sie auch Zuspruch?
Oh, ja. Mich haben viele Briefe und Mails erreicht. Unter anderem von der Tochter des 2016 verstorbenen Max Mannheimer, dem Nazi-Opfer und Holocaust-Überlebenden. Sie schrieb mir, dass sie die Vorwürfe gegen mich schrecklich fände und dass sie die Zeichnung in keiner Weise antisemitisch empfunden habe: Kritik an der Politik Israels müsse ja wohl erlaubt sein.

Wie ging es Ihnen in diesen Tagen?
Mich hat das alles sehr getroffen. Das muss ich zugeben. Umso mehr hat mich gefreut, dass ich vom Deutschen Presserat einen "Freispruch" bekommen habe. Ich habe auch viel Solidarität erfahren. Es gab in "El Pais" eine ganze Seite darüber, auch die weltweite Karikaturisten-Organisation "Cartooning for Peace" hat sich in einem Kommentar für mich eingesetzt. Die beiden Macher, der berühmte französische Karikaturist Plantu und Patrick Chappatte aus der Schweiz, schrieben mir und fragten, ob sie helfen können: Unabhängig, wie man zu der Zeichnung stehe – sie sei Netanjahu-kritisch, aber nicht antisemitisch gewesen. Das ist ein Riesenunterschied.

Sie zeichnen weiter.
Klar, auch wenn es Leute gibt, die sagen: "Du bist 85, warum hörst du nicht auf?"

Sie sind 85. Warum hören Sie nicht auf?
Weil ich nicht kann. Weil ich ein politischer Karikaturist bin, der im Kopf noch halbwegs beieinander ist und Hände hat, die seinen Gedanken folgen. So einer muss zeichnen, sonst hat er seinen Beruf verfehlt. Mein lieber Freund Dieter Hildebrandt hat einmal gesagt: "Ein Kabarettist ohne Bühne ist kein Kabarettist." Das gilt auch für Karikaturisten. Deswegen habe ich zuletzt wenigstens bei Facebook und auf meiner Homepage einige Zeichnungen veröffentlicht – und freue mich umso mehr, dies ab jetzt in der Abendzeitung zu können.


Die Karikaturen von Dieter Hanitzsch sind künftig jeden Freitag in der Printausgabe der Abendzeitung zu sehen. Foto: AZ

Warum sind Karikaturen noch zeitgemäß?
Karikaturen sind – wie Kabarett – beliebt, weil die Menschen gern eine Instanz haben, die die Mächtigen des Landes von ihrem Podest, ihrem Sockel wieder zur Erde bringt. Politiker sind ja Heldendarsteller, das dürfen sie auch sein. Der Karikaturist und der Kabarettist zeigen ihnen: Du bist auch nur ein Mensch, hast Schwächen und machst auch manchmal Fehler, unter denen wir zu leiden haben. Die Karikatur ist für eine freie Gesellschaft lebensnotwendig. Und sie ist ein Merkmal einer freien Gesellschaft.

Statt in der "SZ" erscheinen Ihre Zeichnungen nun in der AZ. Empfinden Sie das als Abstieg?
Als ich die Anfrage bekam, ob ich eventuell für die Abendzeitung zeichnen würde, habe ich mich sehr gefreut. Erstens, ich finde die Zeitung gut – ob groß oder klein ist mir egal. Zweitens, weil ich weit über 20 Jahre ab 1961 für die Abendzeitung Karikaturen gemacht habe. Ich begann meine Karikaturisten-Laufbahn mit einer Strauß-Zeichnung 1959 als Student bei der "SZ". 1961 hat mich der damalige AZ-Herausgeber Werner Friedmann zur Abendzeitung geholt. Da konnte ich häufiger zeichnen – und Studenten brauchen Geld. Dort habe ich herrliche Zeiten erlebt, weit über 20 Jahre lang.

Wie kamen die Zeichnungen damals zustande?
Manchmal in Heimarbeit, häufig auch untertags. Ich kam von der Vorlesung mittags in die Redaktion, um das Thema zu besprechen. Damals gab es in der Sendlinger Straße noch das berühmte Café "Ganz Privat" – mit einer schönen Theke, hinter der ich mein Zeichengerät deponiert hatte. Und so entstanden die Zeichnungen – gelegentlich noch beim Bier mit dem Redakteur – am Tresen. Damals schon mit Filzstift. Mit Pinsel, Tusche und Feder wäre es zu kompliziert geworden.

Wie zeichnen Sie heute?
Mal mit Tuschfeder, japanischen Tuschepinseln mit Patronen, manchmal mit Kohlestift. Letztlich geht es vor allem doch nur darum, schwarze Linien zu ziehen. Klare Kante, auch im Strich!

Dieter Hanitzsch: "Die bayerische Politik gibt ja täglich Anlass, sie zu karikieren"

Für die AZ zeichnen Sie schwarz-weiß. Wieso?
Karikaturen sind am besten, wenn sie einfach und klar sind, nicht nur im Strich, auch in der Farbe. Und so eine Zeichnung soll ja auch ins Auge stechen in der Zeitung. Die Abendzeitung ist ein buntes Blatt – da fällt eine schwarz-weiße Zeichnung von sich aus auf.

Worauf wollen Sie bei Ihrer Arbeit für die AZ künftig Ihren Fokus richten?
Vor allem auf die Münchner und die bayerische Politik, natürlich nicht ohne ein kritisches Auge auf die Politik außerhalb Bayerns zu richten. Karikaturen über München – ob es um Wohnungsbau oder Wiesnbierpreis geht – müssen sein. Das wollen die Menschen auch. Und die bayerische Politik gibt ja täglich Anlass, sie zu karikieren. Da freue ich mich jetzt schon drauf. München und Bayern war auch in meiner früheren AZ-Zeit schon mein Schwerpunkt. Insofern: Zurück zu den Wurzeln!


So hat der deutsche Presserat über die umstrittene Karikatur von Dieter Hanitzsch in der Süddeutschen Zeitung entschieden:

"Nach Erscheinen der Netanjahu-Karikatur von Dieter Hanitzsch hatten sich acht Leser darüber beim Deutschen Presserat, der über die Einhaltung des Pressekodex wacht, beschwert. Hier seine Entscheidung: „Der Deutsche Presserat sieht in der Netanjahu-Karikatur von Dieter Hanitzsch in der ,Süddeutschen Zeitung’ keinen Verstoß gegen den Pressekodex. Die Grenze zur Diskriminierung von Juden nach Ziffer 12 Pressekodex ist nicht überschritten, entschied das Gremium der freiwilligen Selbstkontrolle der Presse mehrheitlich. Die Gesichtszüge des israelischen Premierministers sind zwar überzeichnet, im Rahmen der Meinungsfreiheit ist dies aber zulässig.

Die Karikatur wurde im zuständigen Ausschuss gründlich erörtert. Einige Mitglieder kritisierten eine stereotype Bildsprache und hielten die Beschwerden für begründet. Zu sehen ist der israelische Regierungschef Netanjahu im Gewand der Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Netta. Er hält eine Rakete in der Hand, die mit einem Davidstern markiert ist. Im Hintergrund sieht man einen weiteren Davidstern. Die Rolle des Davidsterns als religiöses und auch staatliches Symbol wurde im Ausschuss unterschiedlich bewertet."


Künftig erscheint in jeder Freitagsausgabe der Abendzeitung eine Karikatur von Dieter Hanitzsch. Die erste gibt's in der Ausgabe vom 06. Juli zu sehen.