Kanada Auge in Auge

Churchill - Alle Kameras sind auf Bob gerichtet. Auf einmal ist er da. Ganz nah. Verdammt nah. So nah, dass man die roten Äderchen in seinen Augen sehen kann. Doch der Eisbär zeigt den Paparazzi die kalte Schulter. Er ist vielmehr an dem Maschendrahtzaun interessiert. Er stellt sich auf die Hinterpfoten und drückt mit seiner riesigen Tatze dagegen, als wolle er eine Tür öffnen. Dann legt sich Bob auf den Rücken, streckt alle viere von sich, rekelt sich wie eine Diva. Drollig sieht er aus, mit den schwarzen Knopfaugen, wie ein zu groß geratener Teddybär. Am liebsten möchte man ihn knuddeln. Dass man einem Ursus maritimus ins Auge blickt, einem Polarbären, dem größten Landraubtier der Erde, ist in diesem Augenblick fast vergessen. „Manchmal denke ich, der will nur spielen“, sagt Profi-Fotograf Dennis Fast, der die Fotosafari auf der Seal River Lodge im hohen Norden Manitobas an der Hudson Bay in Kanada leitet. Und schmunzelnd fügt er hinzu: „Aber für uns würde das nicht so gut ausgehen.“

 

Bob ist der Knut der Seal River Lodge. Nur ein bisschen erwachsener. Ein Teenager. Fünf Jahre alt, satte 250 Kilogramm schwer. Er ist der Star unter den 16 Gästen der Lodge. Ein sehr verlässlicher dazu. Täglich taucht er auf, knabbert am Maschendrahtzaun, posiert für Fotos, döst im Schnee. Sehr zur Freude der Gäste. Deswegen sind sie gekommen. An den Rand der Arktis, nach Churchill, einem Nest im Nirgendwo mit rund 900 Einwohnern. Jährlich wiederholt sich zwischen Oktober und November dasselbe Spektakel: An die 900 Eisbären warten auf das Zufrieren der Hudson Bay, um endlich nach Robben zu jagen. In Churchill herrscht dann Hochsaison. Tausende von Touristen lassen sich auf gigantischen gepanzerten Bussen, den Tundra Buggys, direkt vor die Nase der Eisbären fahren. Exklusiver ist das Eisbärenabenteuer in der Seal River Lodge. Dort ist es nicht ungewöhnlich, dass Gäste morgens durch einen neugierigen Eisbären geweckt werden, der keck am Fenster steht.

„Oberstes Gebot ist Sicherheit“

Und zu den Eisbären fährt kein Bus, zu denen geht man zu Fuß. Die Öko-Lodge liegt an der Hudson Bay, mitten im Eisbärengebiet. Die Anreise hat Expeditionscharakter. Mit einem einmotorigen Flugzeug werden Gepäck, Lebensmittel und Passagiere von Churchill aus in die Schneewüste geflogen. Eine halbe Stunde später erscheint das umzäunte Gelände mit den Gebäuden, ein winziger Punkt im endlosen Weiß. Die Morgendämmerung färbt Himmel und Eis in Rosa und Taubenblau, als sich die Gäste, dick vermummt in Parkas, auf dem umzäunten Innenhof versammeln. Es sind Profi-Fotografen, die für kommerzielle Kunden fotografieren, ambitionierte Hobbyfotografen mit teuren Kameras und Teleobjektiven, die Kanonenrohren gleichen, und Urlauber, die sich mit der Reise zu den Eisbären einen Traum erfüllen. „Oberstes Gebot ist Sicherheit“, erklärt Andy MacPherson, Führer und Eisbär- Experte. „Keiner verlässt den umzäunten Bereich ohne unsere Begleitung. Die Eisbären sind neugierig und kommen näher - und das wollen wir auch, schließlich wollen wir Fotos machen.“ Wie bitte? Der Eisbär soll näher kommen? Und was, wenn er näher kommt, als einem lieb ist?

„Dicht zusammenbleiben, wir stellen uns zwischen euch und den Bären und kümmern uns um ihn“, meint Andy. Die Gruppe tritt durch das Tor ins Freie, stapft durch den Schnee. Bald hat Andy Bob ausfindig gemacht. Irgendwo zwischen den Eisschollen auf der Bay macht er ein Nickerchen. Die Landschaft ist super, das Licht ist super. Ein Bär, der schläft? Nicht so super! „Geduld haben“, mahnt Dennis. „Du weißt nie, wann etwas passiert.“ Bis etwas passiert, soll die Gruppe sich warm halten. Irgendwie. Auf der Stelle treten, im Kreis gehen, Arme kreisen. Nach einer halben Stunde hüpfen und rudern passiert etwas: Bob hebt den Kopf. Für wenige Sekunden, direkt in die aufgehende Sonne. Ein geniales Motiv. Die Kameras rattern wie Maschinengewehre. Dann tappt Bob los. Kommt näher. So nah, dass die Profis ihre Objektive wechseln müssen. Andy geht langsam auf den Bären zu. „Okay, Buddy, das reicht.“ Andys Stimme ist normal, aber bestimmt. Der Bär stoppt. Andy gibt der Gruppe ein Handzeichen; einige Schritte zurückgehen, um dem Bären Platz zu machen. Bob hält Abstand und watschelt an der Gruppe vorbei. Was aber, wenn der Bär aggressiv wird? Die Touristen anfällt? „Eisbären sind nicht gemeingefährlich“, sagt Andy.

„Eisbären mögen keinen Lärm“

Seit Jahren arbeitet er als Bärenführer, hat viele intensive Begegnungen mit den Tieren gehabt. „Wir beobachten die Tiere ganz genau und respektieren ihren Raum.“ Meist reicht die Stimme und der Bär wendet sich ab. Nur selten musste er einen „Cracker“ oder eine Heulrakete abfeuern. „Eisbären mögen keinen Lärm“, sagt Andy. Beim Abendessen blicken Mike und Jeanne Reimer in strahlende Gesichter. Das Ehepaar führt mit seiner Großfamilie die Seal River Lodge. Jeannes Vorfahren gehören zu den Pionieren im Norden, ihre Großmutter baute die erste Handelsstation mit den Inuit auf. Seit 40 Jahren vermieten Jeannes Eltern Hütten in der Einsamkeit. Als Mike ins Geschäft einstieg, baute er sie zu exklusiven Öko-Lodges aus. Urlaub weit weg von der Zivilisation, aber mit Fünf-Sterne-Komfort. Das Essen ist vom Feinsten, vieles stammt aus heimischer Produktion, wie die Marmelade aus Cloudberries (Moltebeere) oder der Eintopf mit Fleisch vom Karibu.

„Die Lichter sind da“, ruft Mike plötzlich, während die Gruppe das Dessert löffelt. Losreißen aus der behaglichen Wärme, Polarausrüstung anziehen und hinaus in minus 25 Grad. Der Himmel explodiert. Die Lichter sind überall. Dort zieht ein grünes Band quer über den Horizont, direkt über der Lodge fällt ein lilafarbener Lichtstrahl zur Erde, entlang der Küste bilden die bunten Schleier tanzende Ornamente. Still und ergriffen starren alle in den Himmel. Der Schatten, der aus dem Dunkeln auftaucht, ist keine Einbildung. Geräuschlos kommt etwas Großes daher. Ein Eisbär, der um den Zaun streift. So plötzlich, wie er gekommen ist, ist er verschwunden. Ist das alles nur ein Traum? Ein Himmel, der mit tausend Lichtern zur Erde fällt, und ein Eisbär zum Greifen nah. Dann kommt der Morgen und mit der aufgehenden Sonne zwei neue Eisbären. Es ist tatsächlich ein Traum. Ein unfassbar schöner.

 

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