Kammerspiele: „The Vacuum Cleaner“ Antikapitalistisches Stubenhocken

 Foto: Julian Baumann

Toshiki Okada inszeniert in den Münchner Kammerspielen das Stück „The Vacuum Cleaner“

 

Kaffee ist der neue Wein, könnte ein Lifestyle-Slogan sein. Wer gerade hip sein will, schmeckt beim frischgebrühten Heißgetränk den Noten von Erdbeere oder Grapefruit nach. Herr Chôhô ist zwar schon 80, kennt sich aber in der Szene aus und schwärmt von dem neuen italienischen Café in der Stadt.

Richigi, der Sohn, ist allerdings kein konsumfokussierter Hipster und lässt sich davon nicht beeindrucken. Er hat ohnehin kein Geld, um den Tag in einem Kaffeehaus zu verbringen und lungert in den öffentlichen Grünanlagen herum. Seine große Schwester Homare ist 50, lebt noch immer beim Vater und zeigt keinen Ehrgeiz, das Haus jemals zu verlassen.

Mit seiner vierten Arbeit an den Münchner Kammerspielen erzählt Toshiki Okada von einem weiteren Phänomen seines Heimatlands, das den europäischen Betrachtern ebenso faszinierend exotisch wie beunruhigend nahe scheint.

Eine U-Bahnstation als Treffpunkt der Lebenden und der Toten

Angelehnt an japanische Theatertradition hatte der 46-Jährige aus Tokio in „No Theater“ eine U-Bahnstation zum Treffpunkt der Lebenden und der Toten gemacht. Es ging um den Selbstmord aus Überforderung, der als „Karoshi“ ein eigenes Wort hat und aus Entfremdung von der japanischen Identität durch den westlich geprägten Kapitalismus wächst.

In „No Sex“ trafen sich in einer Karaokebar Leute, die sich entschieden haben, ohne Sex zu leben. Thema vom nun uraufgeführten „The Vacuum Cleaner“ („Der Staubsauger“) sind die Hikikomori: Menschen, die monatelang, sogar jahrelang ihre Wohnungen nicht verlassen und den Kontakt mit der Welt draußen weitestgehend vermeiden. Karoshi, der Verzicht auf Sex oder die Hikikomori haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind Strategien des Protests und der stille Widerstand gegen die Anforderungen und Zumutungen einer Leistungsgesellschaft.

Toshiki Okada hat viel Sympathie für die Aussteiger. Seine gebrochene Heldin ist Homare, die irgendwann einmal in ihr Kinderzimmer zurückkehrte. Von der Welt blieb ihr die Erinnerung an eine Weltkarte auf der Toilettentür, auf der der größte Fleck in Lilabraun die Sowjetunion markierte. Annette Paulmann gibt der ewigen Tochter am Ende der „besten Jahre“ zwischen Phlegma und Verzweiflung so etwas wie Schönheit und Würde.

Klassenkämperischer  Conférencier

Im Rahmen ihrer Möglichkeiten ist sie sogar kämpferisch. Wenn „die Erfülltheit eines Lebens an den Höhen und Tiefen bemessen wird, die man durchschritten hat, dann kann man mein Leben als ein solches wohl kaum bezeichnen“, stellt sie fest und ringt um eine innere Haltung, das nicht als Problem zu begreifen: „Wenn ich das wirklich erreiche, dann finde ich, kann man schon sagen, dass das eine ziemlich großartige Leistung ist“.

Umschwirrt wird Paulmann vom idealistisch verträumten kleinen Bruder Richigi (Damien Rebgetz) und dessen Freund Hide (Thomas Hauser), der wie eine verhuschte Fee aus einem Paralleluniversum von seinen Erfahrungen als Arbeitnehmer berichten kann.

Zerbrechlich und großäugig ist Julia Windischbauer eine Art Conférencier mit klassenkämpferischer Ambition und Walter Hess erduldet als Vater im Opa-Alter die wortreichen Welterklärungen und Selbstdeutungen mit stillem Gleichmut.

Kein Aufwärts oder Abwärts, sondern qualvoll langweilig

Diesen braucht auch der Zuschauer, denn zum dramaturgischen Konzept gehört gepflegte Langeweile. Okada ist nicht Tschechow, bei dem sich Stagnation in Komödie transformierte. In einem Dialog Homares erklärt er, wie sein Stück funktioniert: Um „etwas Großes zu erreichen“, brauche es „kein Aufwärts und kein Abwärts“ und damit auch „keine Katharsis“. Qualvoll konsequent überträgt er das Prinzip des antikapitalistischen Stubenhockens in eine Form des von jeglicher Entwicklung befreiten Dramas.
    
Münchner Kammerspiele, Kammer 1, 15. Dezember, 19 Uhr, 21. Dezember, 8., 24., 24. Januar, 20 Uhr, Tel: 23396600

 

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