Kammerspiele Pubertäres Ballern: „Kill The Audience“ in der Kammer 2

„Kill The Audience“ in der Kammer 2 Foto: Judith Buss

„Kill The Audience“ von Rabih Mroué in der Kammer 2 der Kammerspiele

 

Das Bild ist nicht vollständig zu sehen, sondern nur die Schrift im unteren Teil: „C’est n’est pas une pipe“ („Das ist keine Pfeife“) prangt der Schriftzug aus dem Gemälde „Der Verrat der Bilder“ an der oberen Sitzreihe auf der Seite der Kammer 3, wo sonst das Publikum sitzt.

Als der Belgier Paul Magritte 1929 das Bild mit der Pfeife malte, hatten Kollegen wie Wassily Kandinsky gut zehn Jahre zuvor die abstrakte Malerei erfunden, die neue Sehgewohnheiten forderte. Die Arbeit mit Form und Farbe ohne einen Gegenstand erweiterte die Gestaltungsmöglichkeiten von Malerei, Zeichnung und Graphik enorm.

Aber keiner dieser Künstler hängte seine Bilder mit seitenlangen Aufsätzen zu, um das alles gaanz laangsaam zu erläutern. So etwas macht nur das Theater: Das Bühnenereignis selbst ist immer auch die meist dramaturgisch nicht zu gebrauchende Gebrauchsanweisung für das Theatergucken selbst.

Ganz besonders schlimm tun sich derzeit die Kammerspiele damit hervor. Dabei fängt „Kill The Audience“ von Rabih Mroué mit einer ganz fluffigen Geschichte an, erzählt von Eva Löbau. Sie gab in der Uraufführung ihr Debüt im Ensemble und ist nun damit dabei, den guten Ruf, den sie als intelligente Künstlerin in Münchens Freier Szene erworben hat, zu riskieren.

Gage für das Publikum?

Sie fuchtelt mit einer MG 42 und erklärt, das gute Stück sei 1968 in den Fundus geraten. Damals hatten Peter Stein und Wolfgang Schwiedrzik den „Viet Nam Diskurs“ von Peter Weiss im Werkraum inszeniert. Hinterher gingen die Darsteller im Publikum betteln zugunsten der Aufrüstung des Vietkong. Nach drei Vorstellungen setzte Intendant August Everding die Produktion ab, aber die Waffen seien trotzdem geliefert worden.

Statt nach 50 Jahren Fragen zu stellen, wie es, nur mal als Beispiel, um die Moral von Schauspielern bestellt ist, die sich für eine Kollekte in Diensten von Waffenexporten benutzen lassen, ballern Löbau und Zeynep Bozbay im Blitzlichtergewitter pubertär herum, um hölzerne Pappkameraden umzunieten.

Der Hauptteil des kurzen Abends ist aber die Gegenüberstellung des Publikums mit dem Publikum. Die Spielregel: Die zahlenden Zuschauer sind das Objekt der Betrachtung und sitzen deshalb auf der Bühne. Gegenüber sitzen ihnen die wahren Zuschauer. Eine runde halbe Stunde lang schweigen sich beide Publikae mehr oder weniger an. Folgt man dieser Logik, hat das schwerwiegende Konsequenzen für die Ökonomie eines Theaters. Als agierender Darsteller haben die „Zuschauer“ Anspruch auf Gage.

Dazu befragt erklärte Matthias Lilienthal später, dass das Publikum grundsätzlich immer diese Rolle spiele. In diesem Falle werde es nur besonders betont. Sein Rat ist die Bewerbung als Statist. Das ist eine schlechte Nachricht für jene, die sich mit dünnflüssiger Kunstkacke ein kleines Weihnachtsgeld dazu verdienen wollen. Im Ganzen aber bedeutet es die gute Nachricht, dass der Intendant der Münchner Kammerspiele mehr Ahnung vom Theater hat, als es sein künstlerisches Personal vormachen will.

Wieder 27., 28. Dezember, 9., 11., 27., 28. Januar, 20 Uhr, So 19 Uhr in der Kammer 3, Telefon 23396600

 

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