Kammerspiele München-Klischees on the Rocks

Hans Kremer, Marc Benjamin, Stephan Bissmeier und Maximilian Simonischek (v.l.n.r) spielen Jelinek in den Kammerspielen. Foto: Julian Röder

Kammerspiele: Die Jelinek-Uraufführung „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall”

 

Mosi lebt – zumindest als Untoter auf der Bühne. Als Rudolph Moshammer in der gleichfalls untergegangenen Kleinen Komödie am Max II in einer Gastrolle als er selbst auftrat, erschien sein schauspielerisches Talent übersichtlich. Jetzt wird er von Benny Claessens gespielt und, wer ihn nur einmal erlebt hat, weiß, dass er besser sein könnte als das Original. Er hat aber ein schweres Handicap: Er muss dabei Texte von Elfriede Jelinek sprechen.

Die österreichische Nobelpreis-Trägerin schenkte den Münchner Kammerspielen zum 100. Geburtstag ein Stück. Der Text war vor der Uraufführung Geheimsache. Im Programmheft wird immerhin der Umfang gelüftet: „129 Seiten Sprachfläche, fein kommatiert und spärlich gepunktet, ohne Absätze”, schwärmt Dramaturg Matthias Günther. Auf der „Sprachfläche” mit dem Titel „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall” gedeiht allerdings kaum mehr als eine Steppe kapitalismuskritischer Plattitüden und gut abgehangener München-Klischees.

Die Straße ist die Maximilianstraße, die Stadt ist, naturgemäß, München, und der Überfall ist der Mord an Moshammer. Der hatte sein Modegeschäft an der Luxusmeile, und wer es bisher nicht wusste, wird belehrt: Die Maximilianstraße ist ein Epizentrum dekadenten Konsumterrors. „Die Leute”, heißt es einmal, „kaufen hier ein, um andere zu werden, schöner, eleganter, aber sie werden ja auch nicht anders, als sie waren”. Offenbar plündert die Autorin gerade ihre Poesiealben aus der Schulzeit.

Dabei parlieren am Anfang auf der mit Eiswürfeln gepflasterten Spielfläche zwei Tussen – eine mit Louis-Vuitton-Täschchen (Hans Kremer), die andere in Pelzjacke (Stephan Bissmeier) – vielversprechend über ein Gesetz, „und das heißt Orgie”. Doch die Bühne on the rocks bleibt ein unsinnlicher, kalter Ort. Intendant Johan Simons hatte Elfriede Jelinek im AZ-Gespräch „viel Humor” attestiert. Wenigstens hier überrascht auch seine Inszenierung: Sandra Hüller spielt die Autorin entspannt, witzig, manchmal frech, gelegentlich auch kokett. Und sie sagt den einzigen glaubhaften Satz des Abends: „Ich verfranse mich mal wieder völlig”, stellt sie fest und verschwindet mit fröhlichem „Tschau!” in der Unterbühne.

Kammerspiele, heute, 3., 18., 25. November, 19.30 Uhr

 

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