Kammerspiele: "König Lear" mit Schmauser Shakespeares stylischer Aussteiger

Irrer Kümmerer: Thomas Schmauser kümmert sich als König Lear um seinen Narren (Samouil Stoyanov). Foto: Arno Declair

Krönung zur Saisoneröffnung: Die Kammerspiele zeigen Shakespeares „König Lear“

 

Der greise Herrscher gehört zu den rätselhafteren Gestalten aus William Shakespeares Bestiarium. Warum dreht er so plötzlich durch? Als er sich aus dem operativen Geschäft zurückziehen will, stellt er, um den Nachlass zu regeln, die verhängnisvolle Frage, welche der drei Töchter ihn am stärksten liebe. Goneril und Regan schmeicheln dem Papa und dürfen sich das Reich teilen gegen wechselndes Wohnrecht. Cordelia aber erklärt, dass sie den Vater genau so liebe wie es sich für eine Tochter zieme.

Leichte Erregbarkeit als Symptom der Senilität? Nein!

Tief beleidigt verstößt er seine Jüngste, danach gerät er in Streit mit den anderen beiden, verliert sich dem Wahnsinn nahe auf stürmischer Heide, und die Tragödie nimmt ungnädig ihren multipel letalen Lauf. „König Lear“ ist gewohnheitsmäßig das prächtige Austragshäuserl für verdiente Mimen zum Karriereende. Leichte Erregbarkeit als Symptom der Senilität lässt Stefan Pucher allerdings nicht gelten. In seiner Inszenierung, die das Premieren-Tripel der Kammerspiele zur Saisoneröffnung spektakulär krönte, spielt Thomas Schmauser den Lear.

Neigung zu Designerklamotten im Stil der grellen Achtziger

Der Rückkehrer an die Kammerspiele ist 46 Jahre alt. Dieser Lear ist ein Aussteiger im besten Alter. Und schon seine Neigung zu Designerklamotten im Stil der grellen Achtziger (Kostüme: Annabelle Witt) – die auch seine Familie teilt – offenbart den egozentrischen Freizeittypen. Doch nicht nur der tragische Titelheld ist anders als erwartet. Der Graf von Gloucester ist hier eine Gräfin im pinken Hosenanzug von ulkiger Merkelhaftigkeit. Auf eine billige Kanzlerinnen-Parodie verzichtet Wiebke Puls wohlweislich, aber unter all den Getriebenen und Verirrten ist die Gräfin die letzte Pragmatikern.

Generation, die auf Veränderung  nicht mehr warten will

Ihr unehelicher Sohn Edmund (Thomas Hauser), schwebt, als er vorgibt, irre zu sein, als Major Tom und trauriger David-Bowie-Clown aus dem Himmel voller Barockwölkchen herab. Nicht zuletzt ist es der Text selbst, der die Tragödie des König Lear mit allerlei Modernismen und auch den einen oder anderen albernen Kalauern mit unserer Gegenwart auflädt. Thomas Melle hat nicht nur neu übersetzt, hat das Stück nicht nur für unser Sprachgefühl geschmeidig gemacht, sondern auch Figuren und Szenen gestrichen und Handlungsstränge konzentriert. Gleichzeitig bleibt aber Shakespeares illusionsarme Weltsicht vollständig erhalten und wird mit Puchers Inszenierung in eine Zeit der immer unschärfer werdenden Feindbilder und bröckelnden politischen Gewissheiten aktualisiert.

Eindringlichen Bildern und dem Raffinement des Erzählens

Die sonst vor allem so bösen Schwestern Goneril (Julia Windischbauer) und Regan (Gro Swantje Kohlhof) vertreten eine Generation, die auf Veränderung und Umsturz nicht mehr warten will. Währenddessen aber verwandelt sich der Schmausersche Lear vom Patriarchen alter Schule in einen schrulligen, aber sensiblen Ironiker. Der Showdown zwischen ihm und zumindest zwei seiner Kinder ist dennoch nicht mehr abzuwenden.

Die Schwestern sind letztlich doch nur die Kinder ihres Vaters und für die totale Veränderung haben sie keine anderen Mittel als ihre Vorfahren. Die Gräfin wird geblendet, und vor dem Königsbungalow, über dem von Anfang an „The End“ angezeigt wird (Bühne: Nina Peller), türmen sich die Leichen. „Kein Paradies ohne Höllenritt“ ist der Schlachtruf, mit dem die Lebenslüge „Einmal noch müssen wir’s machen wie sie“ legitimiert werden soll. Der präpotente Trash, den Stefan Pucher ohne Not vor allem im letzten Drittel häuft, kann von der Kraft des Ensembles, den eindringlichen Bildern und dem Raffinement des Erzählens nicht wirklich ablenken.
    
Münchner Kammerspiele, Kammer 1, 2., 12., 14., 20. Oktober, 19.30 Uhr, 233 96600
 

 

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