Kammerspiele Das Ganze wie eine Partitur lesen

Szene aus "Gesäubert/Gier/4.48 Psychose 2" mit (v.l.n.r.) Sandra Hüller, Sylvana Krappatsch, Marc Benjamin, Stefan Hunstein. Foto: Julian Röder

Kammerspiele-Premiere: Intendant Johan Simons inszeniert einen Dreifachschlag mit Stücken
von Sarah Kane. Sandra Hüller steht als Schauspielerin darin im Zentrum

 

Man zählt sie zu den Vertreterinnen des In Yer Face-Theatres: Dieser britische „Mitten-ins-Gesicht”-Stil provozierte in den 1990ern die Zuschauer mit drastischer Sprache und provokanten Bildern. Sarah Kane hat zwischen 1995 und 1999 fünf Stücke verfasst, ein kleines, explosives Opus, mit dem sie Theatergeschichte schrieb. Ihre Stücke „Gesäubert”, „Gier” und „4.48 Psychose” inszeniert nun Kammerspiele-Intendant Johan Simons. In allen Teilen des Abends spielt Sandra Hüller, die mit Simons schon bei der Bühnenadaption von Kieslowskis „Drei-Farben”-Filmtrilogie zusammengearbeitet hat.

AZ: Frau Hüller, wann haben Sie das erste Mal ein Stück von Sarah Kane gelesen?

SANDRA HÜLLER: In Vorbereitung für die Proben. Aber, Moment, nein: Ich hatte meine erste Begegnung mit „Gier”, inszeniert von Sebastian Nübling in Basel. Mir wurde damals schon klar, dass man nicht versuchen muss, den gesamten Inhalt zu verstehen. Das ist gar nicht möglich. Sarah Kane war eine große Sprachkünstlerin, die eigentlich Musikstücke schrieb, mit Worten.

Das erste Stück des Abends, „Gesäubert”, ist noch am greifbarsten. Sie spielen darin eine Tänzerin in einer Peep-Show, die Identitäten lösen sich im Verlauf des Stücks auf. Im zweiten Stück „Gier” gibt es keine Figuren mehr, nur noch Positionen namens C, M, B und A.

Mir geht es genau umgekehrt. Das erste Stück tut eben noch so, als wäre es angebunden an eine Theaterrealität oder an unsere Realität. Die anderen Stücke sind aber sehr viel freier, wodurch sie seltsamerweise leichter spielbar werden. Am ersten Stück kann man sich viel mehr die Zähne ausbeißen, weil es so tut, als wäre es logisch oder psychologisch. Ist es aber nicht.

Wie geht man als Schauspieler an diese Stücke ran? Wenn man „Gier” liest, findet man selten Punkte, an denen man sich festhalten kann.

Das ist so, wie wenn man eine Partitur liest. Das sagt einem auch erst mal nichts. Man muss das hören, das muss gesprochen und gespielt, sozusagen gesungen werden. Das kann dann ein intensives Erlebnis sein, wenn die verschiedenen Stimmen miteinander in Kontakt treten. Wer das genau ist, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich kann nur das ernst nehmen, was da steht.

In „Psychose 4.48” befindet sich eine depressive Frau in der Psychiatrie, die sich nach dem Tod sehnt. Bevor das Stück 2000 uraufgeführt wurde, hat Sarah Kane sich nach langen Klinikaufenthalten mit 28 Jahren erhängt. Man fragt sich, wie autobiografisch das Stück ist.

Wenn man mit Psychologen spricht, sagen die, sowas wie „4.48 Psychose” kann kein psychotischer Mensch schreiben, diese Klarheit kann er nicht haben. Das Stück ist also doch losgelöst von ihrer Person. Sie hat Kunstwerke geschaffen, im Grunde große poetische, wahnsinnig schöne Gedichte. Ich muss an Heiner Müller denken. Der findet auch Worte, die so eine Kraft haben, dass man sich nicht entziehen kann. Diese Worte haben eine Gewalt, da gibt es keine Umwege. Außerdem, und das denkt man bei Kane nicht, hat sie auch Humor.

Ihr geht es um die Unmöglichkeit von Beziehung, eine große Liebessehnsucht, die nicht erfüllt werden kann, gleichzeitig zerstörerisch ist. Können Sie sich mit den Ansichten Kanes identifizieren?

Sagen wir mal so: Mir gefällt die Konsequenz, mit der sie gedacht und gehandelt hat. Aber ich sehe diese Dinge anders.

Wenn Sie solche intensiven Stücke spielen, nehmen Sie davon etwas mit nach Hause?

Inhaltlich überhaupt nicht. Ich merke eher, dass meine Energie ausgelaufen ist, dass ich müde bin. Aber ich gehe dann zu meiner Familie und dort ist sowieso ein anderes Programm. Meine kleine Tochter interessiert es nicht, ob ich beim Proben mit Selbstmord zu tun hatte.

Im Kino sieht man Sie selten, wobei Sie dort immer spannende, komplexe Rollen spielen wie in „Requiem” oder zuletzt „Über uns das All”. Wieso drehen Sie nicht öfter?

Film ist nicht mein Paradies. Ich komme von der Bühne, damit kenne ich mich aus. Ich mag, wie das organisiert ist, ich mag die Probenräume und die Zeit, die man zusammen verbringt, diese Dynamik in den Proben. Wenn ich einen Film mache, dann muss mich das Drehbuch so mitreißen, dass ich sage, das muss ich machen, das darf niemand anderes tun. Ich muss die Figur so zeigen, wie ich sie sehe. Ich will sie beschützen und sicher gehen, dass sie verstanden wird.

Kammerspiele, Premiere am Samstag, 19 Uhr, ausverkauft / Restkarten an der Abendkasse

 

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