Kammerspiele Daniel Grossmann dirigiert "Panzerkreuzer Potemkin"

Der Münchner Dirigent Daniel Grossmann. Foto: Christine Schneider

Auftakt zur Reihe "Flimmmerkammer": Daniel Grossmann dirigiert Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ und andere Stummfilme in den Kammerspielen

Mitte Dezember zeigen die Kammerspiele Bertolt Brechts „Trommeln in der Nacht“ – ein Stück über das Scheitern und Gelingen einer Revolution. Als Vorprogramm gibt es am Freitag um 20.30 Uhr in der Kammer 1 Sergei Eisensteins Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“. Er handelt von der Meuterei auf einem russischen Kriegsschiff gegen zaristische Offiziere. Das Orchester Jakobsplatz unter Daniel Grossmann spielt die Urfassung der Musik von Edmund Meisel für Salonorchester.

AZ: Herr Grossmann, „Panzerkreuzer Potemkin“ wurde 1925 im Bolschoi-Theater als Jubiläumsfilm zur Feier der Revolution des Jahres 1905 uraufgeführt. Warum ist er ein Klassiker geworden?
DANIEL GROSSMANN: Dieser Film spiegelt den revolutionären Zeitgeist der 1920er Jahre. Sergei Eisenstein hatte ein großes Gespür für die Macht der Bilder. Dieser Film hat die Bildsprache der Fotografie und des Kinos im 20. Jahrhundert geprägt und auch Künstler auf der politisch entgegengesetzten Seite beeinflusst, etwa Leni Riefenstahl.

Ästhetisch interessante Propaganda also.
Der Film macht mich jedes Mal wütend auf die zaristische Staatsmacht. Und es ist unglaublich, wie man als Zuschauer manipuliert wird. Die Handlung ist nur halb historisch: Es ist durchaus die Frage, ob 1905 wirklich Soldaten auf Kleinkinder geschossen haben, wie die berühmte Szene suggeriert, in der eine Mutter erschossen wird und der Kinderwagen die lange Hafentreppe von Odessa hinunterrollt.

Es gibt zu diesem Film keine Originalmusik. Welche Vertonung dirigieren Sie?
Die Musik von Edmund Meisel. Sie wurde 1926 für die deutsche Fassung komponiert. Wir spielen die Urfassung für Salonorchester, die später für eine größere Besetzung erweitert wurde. Meisels Musik passt ideal: Sie greift Arbeiterlieder auf, sie ist sehr dynamisch und kämpferisch.

Wie wirken Bild und Film zusammen?
„Panzerkreuzer Potemkin“ ist ein sehr musikalischer Film. Am Ende fährt das von den aufständischen Matrosen gekaperte Schiff auf die russische Flotte zu. Es bleibt lange offen, ob es zur Schlacht kommt. Da wird fünf Minuten lang eine Spannung aufgebaut, bei der Musik und Bilder immer schneller werden.

Ist es schwer, zu einem Film zu dirigieren?
Man wird getrieben von den Bildern. In „Panzerkreuzer Potemkin“ gibt es einen 15 Minuten langen Zwischentitel. Danach fällt ein Schuss, der durch den Schlag auf die Große Trommel dargestellt ist. Das lässt sich eigentlich nur so lösen, dass der Schlagzeuger selbst auf das Bild schaut. Aber wenn er den Schuss sieht, ist er eigentlich schon zu spät dran.

Wie orientiert man sich?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder arbeitet man mit einem Time Code, der einem zeigt, wo man sein muss. Oder man orientiert sich an den Bildern, wie ich es bei „Panzerkreuzer Potemkin“ mache.

Wie kamen Sie darauf, die Kammerspiele in ein Kino zu verwandeln?
Das Theater hat einen Orchestergraben. Der Bau stammt aus der Stummfilmzeit und es ähnelt ein wenig einem Kino. Ich wollte eigentlich nur einen Film dirigieren, aber die Kammerspiele haben mir eine eigene Reihe angeboten.

Was zeigen Sie noch in Ihrer „Flimmerkammer“?
Am 17. Januar „Der Student von Prag“. Dieser Film von 1913 ist aus mehreren Gründen interessant: Er sehr früh entstanden, gilt als erster Autoren- und Kunstfilm und arbeitete mit erstaunlichen Tricks. Die Hauptrolle spielt Paul Wegener. „Der Student von Prag“ war vielleicht der erste, mit Sicherheit aber der zweite Film mit einer Originalmusik.

Von wem stammt sie?
Von Josef Weiss, einem jüdischen Komponisten und Schüler von Franz Liszt, über den man nicht viel weiß. Es gab nur einen Klavierauszug, der von Bernd Thewes neu arrangiert wurde.

Was kommt danach?
Am 7. März „Das neue Babylon“, ein Film über die Pariser Kommune mit Musik von Dmitri Schostakowisch. Am 12. April folgt der Höhepunkt der Reihe: „Das alte Gesetz“, ein unbekannter Film von 1923. Er erzäht die Geschichte des Sohnes eines Rabbiners aus dem osteuropäischen Schtetl, der Schauspieler werden will. Sein Vater verstößt ihn, er wird Star am Wiener Burgtheater und der Geliebte einer Erzherzogin und versöhnt sich mit seinem Vater.

Klingt nach Schnulze.
Der Film hat aber viele sehr moderne Elemente und Ideen. Es gibt dazu eine neue Filmmusik von Philippe Schoeller: Sie beschreibt das seelische Innenleben des Sohns. „Das alte Gesetz“ wird auch auf DVD erscheinen. Und wir gehen damit auf Tournee.

Flimmerkammer, Kammerspiele, Kammer 1 am Freitag, 8. Dezember, 20.30 Uhr. Karten 8 bis 34 Euro, online auf www.o-j-m.de, Telefon 12 289 599 oder München Ticket, Telefon 54 81 81 81

Die AZ-App für Android und iOS

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null