Kammerspiele Daniel Grossmann dirigiert Offenbach

Der Dirigent Daniel Grossmann. Foto: Thomas Dashuber

Das Jewish Chamber Orchestra bringt am Samstag zwei Einakter von Jacques Offenbach mit Videokommentar in die Kammerspiele

Vor bald 200 Jahren, am 20. Juni 1819, wurde der Komponist Jacques Offenbach in Köln geboren. Im Paris des Zweiten Kaiserreichs wurde er zum Begründer der Operette. Daniel Grossmann und das Jewish Chamber Orchestra feiern den Jahrestag am Samstag mit zwei frühen Einaktern in der Kammer 1. Dennis Metaxas kommentiert die Musik mit Videos.

AZ: Herr Grossmann, welche Update-History verbirgt sich hinter dem Untertitel „Operette 4.0“?
DANIEL GROSSMANN: Wir haben diesen Ausdruck gewählt, um klar zu machen, dass kein beschaulicher Operettenabend zu erwarten ist. Den erwartet zwar in den Kammerspielen ohnehin niemand, aber wir wollten lieber auf Nummer sicher gehen.

Wie treiben Sie Offenbach die Beschaulichkeit aus?
Das Jewish Chamber Orchestra und ich nicht, aber Daniel Metaxas von den Kammerspielen, den wir gebeten haben, die beiden Operetten auf die Bühne zu bringen. Metaxas fand die beiden Stücke frauenverachtend und rassistisch. Er hat sich daher entschlossen, sie mit einem Videokommentar zu versehen, der vom Rassimus der Kolonialzeit bis heute handelt und dessen Ergebnis, wie er sich ausdrückt, unser beschauliches Wohnzimmer ist.

Was ist denn an den beiden Werken so rassistisch und frauenfeindlich?
„Oyayaye, ou La Reine des Îles“ nennt sich „Musikalische Menschenfresserei in einem Akt“. Diese Operette handelt von einem Kontrabassisten, der sein Solo verschläft und entlassen wird. Er geht mit seinem Instrument auf Weltreise und trifft auf einer Südseeinsel auf Menschenfresser, deren Königin nur in Lauten spricht.

Und der zweite Einakter?
„Pomme d’api“ erzählt von einem jungen Mädchen, das „rotes Äpfelchen“ genannt wird. Ihr Geliebter ist ein Nichtsnutz, der von seinem reichen Onkel ausgehalten wird. Der will ihr die Liebschaft ausreden und rät ihm, vor der endgültigen Bindung mehrere Frauen auszuprobieren. Das Stück macht deutlich, dass der wahre Ort der Frau am Herd ist.

Offenbach dürfte beides allerdings mehr satirisch als frauenverachtend und rassistisch gemeint haben.
Naja, beide Texte würde man heute nicht mehr so schreiben. Ich verstehe schon, dass man an einem politischen Ort wie den Kammerspielen das nicht einfach so stehen lassen möchte.

Wieso wird der Besuch erst ab 18 Jahren empfohlen?
In den Filmen gibt es Elemente, die für jüngere Zuschauer nicht geeignet sind.

Sitzt das Orchester wie bei der „Flimmerkammer“ im Graben der Kammerspiele?
Nein, auf der Bühne. Ich denke, der Reiz des Abends besteht darin, dass wir unsere Sache machen und der Film seine eigene. Der Videokommentar stellt einen Gegensatz zum Witz der Musik dar und rüttelt einen wach. „Oyayaye“ spielen wir auf deutsch, weil es da wichtig ist, dass man die Geschichte versteht, obwohl ich es sonst weniger mag, wenn diese sehr mit der Sprache verquickte Musik in einer Übersetzung gesungen wird. „Pomme d’api“ ist viel harmloser, das machen wir im französischen Original.

Was mögen Sie an Offenbach?
Offenbachs Musik ist unglaublich raffiniert mit unfassbar schönen Melodien, die zum Dahinschmelzen sind und bei denen man sich fragt, wieso sie keine Gassenhauer geworden sind. Außerdem hat die Musik Witz.

Wie jüdisch ist Offenbach?
Sein Vater Isaak Offenbach war Kantor der Synagoge in Köln. Er hat viel liturgische Musik komponiert, deren Assimilation an die biedermeierliche Musikkultur in religiös jüdischen Kreisen heute kritisch gesehen wird, weil er beispielsweise Arien aus dem „Freischütz“ übernommen hat.

Und Offenbach selbst?
Er ist praktisch in der Synagoge aufgewachsen und stammt nicht – wie Gustav Mahler – aus einem völlig assimilierten Milieu.

Was macht das Jewish Chamber Orchestra nach Offenbach?
Eines meiner liebsten Projekte in dieser Saison: Der Stummfilm „Nerven“ von Robert Reinert aus dem Jahr 1919. Wir haben eine neue Musik bei Richard Ruzicka in Auftrag gegeben. Er ist Absolvent des Filmmusik-Studiengangs an der Hochschule für Musik und Theater und hat auch schon Musik für „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ geschrieben. Seine Vertonung von „Nerven“ hat elektronische Momente und wird am 9. April als „Flimmerkammer #5“ um 20.30 Uhr in den Kammerspielen uraufgeführt – im Rahmen der Reihe „1918 - 2018. Was ist Demokratie?“ zum 100-jährigen Jubiläum von Revolution und Rätezeit.

Kammerspiele, Kammer 1, Samstag, 20 Uhr, Karten von 8 bis 34 Euro unter www.muenchner-kammerspiele.de

 

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