Kammer 2 der Kammerspiele "Yung Faust" von Leonie Böhm

Julia Riedler, Annette Paulmann und Benjamin Radjaipour performen "Faust". Foto: Julian Baumann

Regisseurin Leonie Böhm hat für die Kammer 2 so etwas wie die Topcharts der „Faust“-Zitate zu „Yung Faust“ kompiliert

 

Fast auf den Tag genau 190 Jahre ist die erste vollständige Aufführung der deutschesten aller deutschen Tragödien her. Schon damals neigte das Theater zu selbstmitleidiger Selbstreflexion, mit der die Schauspielerei der Gegenwart sich nicht nur noch immer, sondern mit zunehmend missionarischem Eifer immer wieder zu erklären gezwungen glaubt. Bevor der Titelheld sein von Midlife Crisis geschütteltes „Habe nun ach!“ in die Einsamkeit seines Studierzimmers jammern kann, schrieb Johann Wolfgang Goethe die „Zueignung“, die das Publikum mit „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“ anspricht.

Im darauf folgenden „Vorspiel auf dem Theater“ debattieren drei Herren die Sinnhaftigkeit ihres Tuns: Der Theaterdirektor, für den Kunst vor allem Business ist, der Theaterdichter, der die Begegnung mit dem Publikum fürchtet und die Lustige Person, der es um mehr Spaß im Theater geht.

Fehler sind auch Kunst

Irgendwie ist wohl auch die hiphoppende Fun-Generation gemeint, wenn Regisseurin Leonie Böhm für die Kammer 2 die Topcharts der „Faust“-Zitate zu „Yung Faust“ kompiliert. Die fehlerhafte Orthografie ist natürlich Kunst und bezieht sich auf den Wiener Musiker Yung Hurn, der zu Hause Julian Sellmeister heißt.

Das alles schnurrt zusammen in den fulminanten ersten zehn der insgesamt gut 60 Minuten. Julia Riedler hat mit nicht unangenehmem Overacting ein sensationelles Solo vor dem Vorhang. So klirrend hat man Vorspiel und erste Szene des „Faust“ selten gehört und vermutlich noch seltener den Brechreiz, den der Theaterdirektordichterfaust immer wieder herunterwürgen muss. Die Stimmung hellt sich erst mit dem Erscheinen von Benjamin Radjaipour als Mephisto in unschuldigem Weiß auf. Wenn Julia Riedler ihn anflötet „Wie machen wirs?“ hört sich das an wie „Bei mir oder bei dir?“

Manches machen sie richtig schön. Gelegentlich ist Annette Paulmann der Faust und der ist ein fast liebenswert armes Hascherl in Latzhose. Der Springbrunnen auf Sören Gerhards freundlich heller Bühne erweist sich als Jungbrunnen, und wenn die Faustin das Wasser der Designer-Wellnessoase verspritzt hat, rutscht sie bäuchlings glücklich wie ein kleines Kind über die nasse Bühne. In diesem Feuchtgebiet finden sich Faust und Gretchen auch zum innigen Schmusen.

Nette Improvisationen

Um die Ekstase in der Walpurgisnacht wiederum kümmet sich der Musiker Johannes Rieder, der als frisch aus der Zeitmaschine gepurzelter Siebziger-Jahre-Softrocker seine beträchtliche Mähne und die Felljacke recht komisch schüttelt. Solche Einzelnummern sind hübsch anzuschauen, doch es bleibt das unbefriedigende Gefühl, einfach nur drei wirklich guten Schauspielern zuzusehen, wie sie die Ergebnisse ihrer Improvisationen über das Theater, die Liebe, den Sex, über die Jugend und das Älterwerden unter Verwendung klassicher Verse netterweise einmal öffentlich zeigen.

Um den ursprünglichen Plan zu dechiffrieren, hilft ein Blick in den Programmzettel. Dort wird die Absicht erklärt, den „allzu viel gesprochenen Sätzen des mächtigen alten weißen Mannes eine verletzliche Unmittelbarkeit“ abzugewinnen - „echte Zitate, echte Begegnungen“, befeuert von Gretchens Sehnen: „Mein Busen fängt mir an zu brennen!“. Das hätte ein krass geiler Abend beim guten alten Göthe werden können.

Münchner Kammerspiele, Kammer 2, wieder am 5. Februar, 21 Uhr, 27. Januar, 20., 23. Februar, 20 Uhr, Telefon 23396600

 

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