Kabarett und Corona Einsfuchzig ist die Zahl des Jahres

Wie soll ein kleines Privattheater wie das Hofspielhaus mit wenigen Zuschauern ökonomisch funktionieren? Foto: Lisa Atzenbeck

Langsam wird die Kultur wieder hochgefahren. Die Kleinkunst leidet aber weiter unter der strengen Abstandsregel. Mit Open Airs verschafft sich die Branche ein wenig Luft

 

Klar hat Werner Winkler auch mitgemacht bei der „Night of light“, der bundesweiten Initiative der Event-Branche gegen die Existenzbedrohung durch die Corona-Krise. „Das ganze Schaufenster zur Straße haben wir rot ausgeleuchtet“, erzählt der Chef der Haidhausener Traditionsbühne „Drehleier“, die er tatsächlich schon seit 1976 betreibt, seit 44 Jahren, ein halbes Leben lang.

1977 gründete er mit ein paar Gleichgesinnten das herrlich vogelwilde „Varieté Spectaculum“, war dabei Autor, Regisseur und Schauspieler zugleich. 25 heftig bejubelte Programme dieser doch sehr besonderen Münchner Vorstadtrevue entstanden bis 2003, und wenn man Winkler heute über die Situation seiner geliebten Drehleier reden hört, kann es einem schon ein bisschen schwer ums Herz werden.

Denn ein Abend im „Varieté Spectaculum“-Style ist für ihn in etwa so weit weg wie der TSV 1860 vom FC Bayern, also nicht räumlich betrachtet. Nicht weil die alten Spectaculum-Helden müde wären, sondern weil nur noch ein Bruchteil von ihnen gleichzeitig auf die Bühne dürfte – Stichwort einsfuchzig, unter Kulturschaffenden die mit Abstand unbeliebteste Zahl des Jahres. Eine Zahl, die dafür sorgen könnte, dass in gar nicht allzu ferner Zukunft in vielen Kleinkunstbühnen die Lichter ausgehen, nicht nur in der Drehleier.

Klingt prima, bringt aber nichts

Seit vergangenen Montag gelten für Kunst- und Kulturveranstalter mal wieder neue Corona-Regeln: Die maximale Besucherzahl von 50/100 (innen/außen) bei Veranstaltungen mit zugewiesenen und gekennzeichneten Sitzplätzen wird auf 100/200 erhöht.

Klingt prima, bringt den Münchner Kleinkunstbühnen aber fast nichts, da es immer noch diese andere Zahl gibt: einsfuchzig. Solange sich bei der Abstandsregel nichts tut, könnte die erlaubte Besucherzahl auch im vier- oder fünfstelligen Bereich liegen, ohne dass auch nur ein Kulturhungriger mehr rein dürfte.

„In Österreich sind sie jetzt bei einem Meter Abstand“, berichtet Till Hofmann, der in München gleich vier Bühnen und zudem den Stadtsaal in Wien betreibt. Dort soll von Ende August an wieder Normalbetrieb herrschen, sagt er. Lustspielhaus und Lach- und Schießgesellschaft macht er wegen der Einsfuchzig gar nicht erst auf, verlegt sich derweil aufs Open-Air-Geschäft.

Seit knapp zwei Wochen bespielt er per mobiler Bühne mit den üblichen Verdächtigen und seinem „Eulenspiegel Flying Circus“ den Passauer Domplatz, zunächst vor 100, nun vor 200 Gästen. „Die Leute sind total happy, dass mal wieder was ist“, sagt er. Von 1. Juni an geht es in Kooperation mit dem Deutschen Museum im Innenhof des Museums weiter, bis Ende August. Da wird sich das Wetter schon nicht lumpen lassen.

An der frischen Luft

Auch Christiane Brammer vom Hofspielhaus in der Falkenturmstraße lässt sich nicht unterkriegen und plant zwischen 9. Juli und 9. August sogenannte Open Air Festspielchen, draußen im Hof, wo eine Überdachung ausgefahren werden kann. Mehr als 20 Personen passen da aber auch nicht rein, so dass man zum etwas höheren Eintrittspreis (25 Euro) noch ein Mini-Menü plus Begrüßungsgetränk bekommt. Gegeben werden der „Jedermann“ und weitere Eigenproduktionen.

Fast ein bisschen trotzig hat man auch den schon seit Monaten leerstehenden Burger-Laden auf der anderen Straßenseite gekapert und ihm „Hofspielhaus“ ans Schaufenster geschrieben, plus kleines Herz daneben. Kein Widerspruch, nirgends.

Eine kleine Open-Air-Bühne hat auch Norbert Kraft, der Betreiber des Theaters im Schlachthof, in seinem Mini-Biergarten. Doch mit Abstandsregel ist dort bei 30 Gästen Schluss, drinnen im Saal bekommt er dank der neuen Regelung nun 96 Zuschauer rein: zum Leben zu viel, zum Sterben zu wenig. „Die neuen Zahlen nutzen uns zum Überleben nicht viel“, sagt er, „100 Gäste ist für uns auf Dauer absolut unwirtschaftlich. Wir brauchen mindestens 200.“

Bei der Wiedereröffnung vor ein paar Tagen, als noch die 50-Gäste-Regel galt, verloren sich beim Corona-Testlauf-Auftritt von Sebastian Huber gerade mal 32 Leute im Saal. „Das war ein Bild!“, stöhnt Kraft, „alles andere als schön.“

Immerhin gibt es im Juli wieder Größen wie Michael Altinger, Annamirl Spies, Christian Springer und andere zu sehen. Doch mehr als 96 Gäste werden auch sie nicht anziehen dürfen. „Wenn da nicht bald mehr rauskommt“, sagt Kraft, „gehe ich davon aus, dass bald einige Theater schließen werden. Wir schauen, dass wir irgendwie überleben, aber es wird schwierig.“

Wie lange geht das noch gut?

Auch Werner Winkler hat in der Drehleier den Überlebenskampf aufgenommen und den Betrieb wieder hochgefahren; zwölf Vorstellungen sind im Juli geplant: „70 bis 75 Gäste bekomme ich mit Abstand jetzt rein“, sagt er, „das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, da komme ich gerade so auf null raus.“ Ensembles in Mannschaftsstärke wie das „Variete Spectaculum“ sind undenkbar, „eigentlich gehen nur Solisten oder Duos auf der Bühne“, sagt Winkler.

Oder man wird eben kreativ, so wie die mehrköpfige Truppe vom „Tatwort Improvisationstheater“: „Die haben am Sonntag ein Lied gesungen und sich dafür ganz ans hintere Ende der Bühne gestellt – damit auch ja genug Abstand zum Publikum ist.“ Oder das Burlesque-Trio „The Filly Follies“: „Die stehen jetzt nicht mehr zusammen auf der Bühne, sondern spielen ihre Nummern einzeln nacheinander“, erklärt Winkler, „und für zwei hab’ ich in der Künstlergarderobe gerade noch so genug Platz.“

Wie lange das alles gerade noch so gut geht mit der Kleinkunst? Wer weiß. Hauptsache, die Airlines können in den Ferienfliegern jetzt wieder jeden Platz verticken. Wenn im Kabarett die Lichter erst mal ausgehen, heißt es „Gute Nacht, München“.

 

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