Kabarett in der Krise Kleinkunst und Corona

Der Hof des Hofspielhauses. Foto: Lisa Atzenbeck

Auch nach den neuen versprochenen Hilfen für die Kunst wissen die kleinen Bühnen in München noch nicht, wie es weitergehen soll

 

Null Einnahmen in den letzten zwei Monaten, aber der Humor ist den Kleinkunstveranstaltern nicht vergangen. Könnte zumindest denken, wer die jüngste Pressemitteilung der Lach- und Schießgesellschaft liest. „Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von Deinen Plänen!“ Blaise Pascal wird da zitiert, versehen mit dem Zusatz: „Da wir gerne alle zum Lachen bringen hier also unserer Pläne für den Juni 2020.“ Erste geplante Vorstellung: Sigi Zimmerschieds „Vom Koma zum Amok“. Wie passend.

In der Tat könnte man als Kulturveranstalter vor lauter Frust zum Amokläufer werden, doch davon ist der in der Tiefe seiner niederbayerischen Seele ruhende Till Hofmann weit entfernt. Stattdessen sagt er: „Wir warten ab, ob Veranstaltungen analog der Gastro-Öffnung genehmigt werden und ob dann ein Bestuhlungsplan für Veranstaltungen genehmigungsfähig ist, der sich wirtschaftlich rechnet.“ Im Lustspielhaus könnte er vom 25. Mai an, wenn Innen-Gastronomie wieder erlaubt ist, 76 Gäste empfangen, in der Lach- und Schieß halb so viele: „Da muss man überlegen, ob sich das Aufsperren überhaupt lohnt“, sagt Hofmann.

Nichts draufzahlen, aber auch nichts verdienen

Kollege Werner Winkler von der Drehleier sieht das ähnlich: Statt 199 Gäste würde er im Bürgersaal an der Rosenheimerstraße maximal 60 Leute unterbringen. „Da zahle ich nicht drauf, verdiene aber auch keinen Cent“, sagt der Evergreen unter den Kabarettveranstaltern, „da fragt man sich: ,Wie lange will ich denn für nichts arbeiten?’ Am 6. März hat er in der Drehleier noch 70. Geburtstag gefeiert, eine Woche später musste er eine ausverkaufte Vorstellung absagen. Da viele Gäste mittlerweile per PayPal zahlen, musste er seitdem einen fünfstelligen Betrag zurückzahlen. „Wenn das noch lange so geht, muss ich die Reißleine ziehen und zusperren“, sagt Winkler, „und wenn die zweite Welle kommt, wird es zig Bühnen zerreißen.“

Was tun? Kreativ sein, was sonst? In der Drehleier versucht das das TATwort Improvisationstheater: Jeden Sonntagabend um acht streamen eine Handvoll Impro-Künstler ihre Show, die Fragen kommen via Facebook. Dank der recht großen Bühne könnte Winkler nicht nur Solo-Kabarettisten, sondern auch Duo-Programme wie „Notenlos durch die Nacht“ mit Bastian Pusch und Andreas Speckmann zeigen. Jedoch nur bis 22 Uhr, „das heißt, man müsste früher anfangen“, meint Winkler und weist auf das nächste Problem hin: der schmale Gang zu den Toiletten. Wie da zwei Gäste auf Abstand aneinander vorbeikommen sollen? Puh.

Auf Abstand bleiben

Noch enger geht es im Hofspielhaus zu. Dafür kann Betreiberin Christiane Brammer in den 20 Gäste fassenden Innenhof ausweichen – was sie am 29. und 30. Mai in künstlerischer Form tut: „Dinner for you – Marlene serviert“ heißt der Open-Air-Abend mit Travestiekünstler Chris Kolonko, der die Dietrich gibt, die ja so gern gekocht hat. Gestreamt wird ebenfalls, auch wenn Brammer sagt: „Ein Theater-Live-Erlebnis kann nicht gestreamt werden.“ Dennoch spielt sie jeden zweiten Mittwoch in Kooperation mit der Kulturbühne des BR die 25-minütige Show „Hofspiel-Zu-Haus“, unter anderen mit Burkhard Kosche, Gabi Lodermeier und Moses Wolf.

Auch der Platz vor der Haustür wird genutzt. Jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag findet ab kommender Woche um 18 Uhr „Hofspiel (Vorm) Haus“ statt: für jeden, der vorbeikommt, eine halbe Stunde, von Bürgersteig zu Bürgersteig. Künstler wie André Hartmann, Christoph Theussl oder das Jazz-Duo „Heinz & Selig“ stehen vor dem Theater oder singen aus dem Fenster über die Falkensturmstraße, der Abstand zwischen Zuschauern und Künstlern beträgt mindestens fünf Meter.

Brammers Glück: Fritz Tiller, ein Gönner ihres Hauses, ist im richtigen Leben Virologe und hat ein Hygiene-Konzept entworfen, das helfen soll, das Überleben der Bühne zu sichern. „Ich habe gleich am Anfang alles durchgemacht“, erzählt sie vom Lockdown nach dem letzten Jandl-Abend am 15. März, „erst war ich schockiert, dann traurig, zornig – und dann kam Ostern, Stichwort Auferstehung...“ Danach arbeitete sie sich in die Paragrafen ein, musste vier Festangestellte in Kurzarbeit schicken, doch Elan und Zuversicht sind längst wieder da: Kino im Hof, Ein-Personenstücke im Winter, zur Not Filme von den Theaterstücken – nicht umsonst heißt ihr Motto: „Unser Theater lebt!“

An der frischen Luft noch Potenzial

Ums Überleben kämpft auch Norbert Kraft, der seit vielen Jahren die Bühne im Schlachthof betreibt. „Wer uns unterstützen will, kauft sich jetzt einen Vorfreude-Gutschein für Eintrittskarten oder für Speisen & Getränke über unseren Onlineshop“, heißt es auf der Website. Je nachdem, wie die Auflagen für die Innen-Gastronomie ausfallen werden, bekommt Kraft im Saal 80 Gäste unter – statt wie zuvor 350. „Wir stellen jeden Tag die Tische anders“, sagt er, aber mehr Leute kriegt er dennoch nicht rein. Am 23. Mai soll es endlich wieder Kultur auf der Wirthaus-Bühne geben: Das Percussion-Duo „Double Drums“ gibt ein Live-Streaming-Konzert und freut sich auf zahlreiche Zuschauer über seinen YouTube-Kanal. Den kleinen Biergarten will Kraft derweil erst zwei Tage später öffnen und wohl auch die kleine Open-Air-Bühne nutzen.

An der frischen Luft sieht auch Till Hofmann noch Potenzial: „Wir prüfen kleine bestuhlte Open Airs.“ Derzeit teste man gerade Auf- und Abbau sowie die Technik einer mobilen Bühne, die im Amphitheater im Englischen Garten stehen könnte. „Oder die Stadt installiert ein paar feste Bühnen, mit Bestuhlung im richtigen Abstand, zum Beispiel auf dem Max-Joseph-Platz.“ Und wie man dem angeblich für die Wirtschaft zuständigen Minister beikommt, weiß Hofmann jetzt auch: „Herrn Aiwanger werden wir mit Beispielen aus der Landwirtschaft erläutern, dass sich auch zwei halbe Hendln gebraten, gerührt oder geschüttelt nicht rentieren, und die Kulturwirtschaft ein Riesen-Faktor für den Standort Bayern ist. Und dass es brennt, vor allem bei Musikern, Technikern und den Verwaltungen im unsubventionierten Kulturbereich, der aber mehr Publikum erreicht als alle anderen.“
 

 

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