JVA Stadelheim So ist Weihnachten im Knast

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Weihnachten möchten die Insassen der JVA Stadelheim vor allem in Ruhe verbringen. Ein bisschen wird aber schon gefeiert. Foto: AZ

In der JVA Stadelheim wollen Gefangene an Heiligabend vor allem eins: allein sein. Gefeiert wird hinter Gittern dennoch ein bisschen.

 

Vor 20 Jahren hat Willi Pecher noch freiwillig Heiligabend in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim verbracht. Da war der heute 53-Jährige frisch als Therapeut ans Gefängnis gekommen und dachte, seine Gefangen wollen das so, ein bisserl begleitet werden an Weihnachten. Falsch gedacht: Häftlinge wollen an diesem Tag vor allem eins: allein sein.

„Sie tun mehr so, als würde Weihnachten gar nicht existieren“, sagt Pecher, der inzwischen Chef der Therapiestation ist. „Die Krisen sind sowieso vor Weihnachten“, weiß er aus 23-jähriger Erfahrung. In den fünf Mal die Woche stattfindenden Therapien – in der Gruppe oder einzeln – ist das ein großes Thema. Besonders für die, die Familie haben.

Am 24. Dezember beginnt eine zweiwöchige Therapiepause. Stattdessen kochen die 16 Gefangenen der Station mit den Beamten und den Therapeuten am ersten Weihnachtsfeiertag. „Eine Gratwanderung, sagt Pecher, „es darf nicht zu weihnachtlich sein.“ Ein paar Kerzen im Gemeinschaftsraum – mehr nicht. Kerzen sind in den Zellen eh’ nicht erlaubt. Brandgefahr.

Im Advent weht ein Hauch von Tannenduft durch die JVA. Auf jeder der 30 Stationen steht ein Christbaum, geschmückt von den Insassen. „Viele Mitarbeiter bringen Weihnachtsschmuck von zu Hause mit“, sagt JVA-Leiter Stumpf. Auch basteln die Gefangen in Gruppentherapien und Werkstätten selbst. Der wird dann auf Christkindlmärkten verkauft: am Mangfallplatz, in Ramersdorf oder in Niederbayern. Aus der Holzwerkstatt kommen Taschenkrippen, Vogelhäuschen und kleine Weihnachtsbäume. Auch aufwändige Extrawünsche von Kunden, an denen tagelang gearbeitet wird, sind kein Problem. „Viele Gefangene haben noch nie etwas zuwege gebracht. Für sie sind diese Bastelarbeiten ein großes Erfolgserlebnis“, sagt Stumpf.

Vor Weihnachten ist „Hauptkampfzeit“, wie der JVA-Leiter es nennt. Hunderte Besucher stehen an der Pforte, wollen ihre inhaftierten Freunde und Verwandte besuchen. An Heiligabend und über die Feiertage gibt’s keinen Besuch. Nur jedes zweite Wochenende ist Besuchswochenende – und heuer haben die Gefangenen turnusgemäß Pech. Telefoniert werden darf nur in Ausnahmefällen. Und Weihnachten ist kein Ausnahmefall.

Bereits am 23. Dezember fand der Weihnachtsgottesdienst in der frisch sanierten Kirche Santa Maria Consolatrix Afflictorum statt, der Kirche der Bedrückten oder Beladenen wie sie übersetzt heißt. Die Tölzer Sängerknaben, die hier seit 30 Jahren für die Insassen singen, sollen den 24. Dezember bei ihrer Familie verbringen, deshalb die Vorverlegung. Sie sangen alpenländische Weihnachtslieder und zum Abschluss „Stille Nacht“. Wie immer. Die Kirche haben die Gefangenen selbst saniert, nur die Fliesen wurden von einer Fremdfirma verlegt. Selbst die Malereien wurden unter Aufsicht eines Kirchenmalers von den Gefangenen angefertigt. Wer die Orgel spielt? Ein inhaftierter Organist.

Nach dem Gottesdienst, den heuer die Bischöfin Susanne Breit-Keßler hielt, bekam jeder Teilnehmer einen Zweig mit einem Schokoladenanhänger. Offenbar nur ein bescheidener Anreiz – nur etwa hundert Leute besuchten den Gottesdienst, auch Mitarbeiter und deren Familien füllten die Reihen. Ein Insasse der Therapiestation erzählt, dass er lieber arbeiten und sich ablenken möchte. „Ich nutze die freie Zeit und schreibe lange Briefe an meine Geschwister, ein Resumee des vergangen Jahres.“ „Jeder, der auf der therapeutischen Station ist, hat schon ein ordentliches Paket an Straftaten“, sagt der Chef der JVA. Im Schnitt dauert die Haftzeit acht Jahre. Das versuchen sich manche eben so schön zu machen wie es geht.

Ein Gefangener, der seit 2007 sitzt, berichtet, dass er Weihnachten immer in den Gottesdienst geht. „Ich bete dort für meine Mutter, die im Pflegeheim ist. Und ich höre dem Knabenchor so gerne zu, die singen wunderschön“, sagt der Mann.

Geschenke gibt es nicht. Pakete können nur mit Sondergenehmigung in die JVA geschickt werden. Der Personalaufwand ist zu groß – viele Gefangene haben eine Drogenvergangenheit. In jedem Adventskalender könnte schließlich ein Suchtmittel hinter dem Türchen stecken. Die meisten Insassen haben sich einen Fernseher gemietet. Wenn an Heiligabend, so wie immer, um 17 Uhr die Zellen verschlossen werden, schauen sie fern. Manch einer wird den Christstollen essen, den jeder nach dem Weihnachtsessen bekommt. Dort gibt es etwas nicht Alltägliches: Hendl. Und am ersten Weihnachtsfeiertag einen Rinderbraten.

Viele Gefangene kaufen sich im hauseigenen Supermarkt von ihrem Taschengeld noch was fürs Fest. Und es wird gemeinsam gekocht. Weihnachten ist eben was Besonderes. Selbst in Stadelheim.

 

4 Kommentare