Jugendwahn im Einzelhandel Wie ältere Mitarbeiter rausgedrängt werden

Worauf kommt's bei Verkäufern an? Manuela Wagner (58), Geschäftsinhaberin: „Ich habe selbst einen Dirndlladen. Deshalb weiß ich, dass ein guter Verkäufer dem Kunden nichts aufdrängen darf. Er muss sich für die Kunden Zeit nehmen. Zeit ist das Wesentliche. Egal, wie alt der Verkäufer ist.“ Foto: Gregor Feindt

Sport Scheck ist kein Einzelfall: In der Textilbranche werden immer wieder ältere Mitarbeiter rausgedrängt. Dabei zeigen Studien, dass Kunden den Jugendwahn verachten

 

MÜNCHEN Der Bericht hat für große Aufregung unter den AZ-Lesern gesorgt: Bei Sport Scheck werden nach Auskunft der Gewerkschaft ältere Mitarbeiter rausgeekelt – angeblich weil sie kurz vor dem Umzug ins neue Domizil in der Neuhauser Straße nicht mehr zum Image passen. Wer nicht von selbst gehe, für den werden, so Verdi, Kündigungsgründe gefunden: Zwei Mitarbeiter wurden bereits gekündigt, darunter Lucio Rudari, 54, alleinerziehender Vater. Er sei ohne sein Wissen zur Arbeit eingeteilt worden – als er nicht erschien, wurde ihm fristlos gekündigt. Rudari vermutet, dass nach einem Kündigungsgrund gesucht wurde – man hatte ihm schon im Sommer mitgeteilt, dass man sich von ihm trennen wolle.

Immer jünger, immer hipper. Ist man mit über 50 zu alt, um vor den Kunden zu treten? Und ist es das, was Kunden wollen? Nein, empören sich zahlreiche AZ-Leser. Es scheint, dass die Erfahrung älterer Verkäufer geschätzt wird. Und doch ist Sport Scheck kein Einzelfall, sagt Georg Wäsler von der Gewerkschaft Verdi: „Vor allem im Textilbereich greift der Jugendwahn um sich.” Anders als etwa im Buchhandel seien die Händler hier viel stärker auf die Zielgruppe unter 30 fokussiert. „Die Verkäufer sollen jung und frisch sein.” Das sieht man bei H&M, Mango und seit neuestem auch ganz deutlich bei Abercrombie & Fitch. Für die Modekette Zara heißt das zum Beispiel: Bundesweit sind die Mitarbeiter durchschnittlich unter 29. 

Immer jünger. Immer hipper. Dieser Trend führt wie nun angeblich auch bei Sport Scheck in vielen Einzelhandelsunternehmen dazu, dass ältere Mitarbeiter rausgedrängt werden. Hinzu kommt ein weiterer Grund: Unternehmen senken die Personalkosten, wenn sie ältere Mitarbeiter durch Jüngere ersetzen. So deutlich wird das freilich keiner sagen. „Die offene Begründung ’Sie sind zu alt’ wird es nie geben, das würde rechtlichen Ärger bedeuten”, erklärt Gewerkschafter Wäsler. Die Personalchefs würden andere Wege kennen, viele in der Grauzone. Denn eigentlich genießen Tarif-Angestellte über 55, die mindestens 15 Jahre in einem Betrieb mit mindestens 50 Angestellten arbeiten, einen besonderen Kündigungsschutz.

In ihrem Verjüngungswahn scheint es den Unternehmen egal zu sein, was zahlreiche Studien zu Tage gebracht haben: Kunden über 50 empfinden es als besonders angenehm, von Menschen ihrer Generation bedient zu werden. „Die Kunden tun sich leichter, wenn der Verkäufer in ihrem Alter ist”, sagt Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland. Das zahlt sich auch aus beim Computerkauf, im Sanitätshaus – und auch bei Kleidung: Man hat ähnliche Erfahrungen, spricht die gleiche Sprache. Im Gegensatz dazu kann es zwischen jüngeren Verkäufern und älteren Kunden zu Konflikten kommen, wie es der sechste Altenbericht der Bundesregierung 2010 beschrieb: Ältere fühlen sich von Jüngeren leicht diskriminiert, weil diese mit ihnen häufig langsamer sprechen oder eine Art „Kindersprache” benutzen.

Dennoch: Wenn sich Unternehmen entschieden haben, sich von Älteren zu trennen, setzen sie das um – trotz besonderem Kündigungsschutz. In solchen Fällen bauen die Personalabteilungen auf einen Aufhebungsvertrag, sagt Verdi-Mann Wäsler. Die Mitarbeiter sollen mürbe gemacht werden. Das beginne oft mit einer klaren Aussage im Personalgespräch, im Stil: „Sie passen nicht mehr in unser Zukunftsimage” oder „Wir sehen keine Perspektive mehr”.

„Eine solche Aussage ist ein unmissverständlicher Vertrauensbruch”, sagt der Gewerkschafter. Es folgen Maßnahmen, die das Arbeiten unangenehmer gestalten, zum Beispiel ungünstige Schichten in den Dienstplänen. „Niemand will jeden Tag bis 20 Uhr arbeiten und dazu noch jeden Samstag.”

Es kann auch anders ablaufen, scheinbar harmloser: Wenn der Personalchef auf eine „einvernehmliche” Regelung abzielt. Nach dem Motto: „Es wäre doch besser, wenn Sie die Arbeit reduzieren oder Schluss machen.” Warum die Mitarbeiter darauf eingehen? Wäsler: „Nach 35 Jahren im Verkauf haben Sie Verschleißerscheinungen, zum Teil gesundheitliche Einschränkungen.” 

 

Kaufstark, konsumfreudig, jung geblieben - so ist die ältere Kundschaft

Als Kunden werden ältere Menschen immer wichtiger: Über 50-Jährige kaufen in Deutschland jährlich für 500 Milliarden Euro ein – das ist mehr als die Hälfte der gesamten deutschen Kaufkraft. „Ältere Konsumenten sind kaufstark, konsumfreudig und kompetent“, heißt es dazu in der gestern veröffentlichten Altersstudie des Versicherers Generali. Die Älteren sind zufrieden. So bewerten 63 Prozent der 65- bis 85-Jährigen die eigene wirtschaftliche Lage als gut bis sehr gut. Im Schnitt verfügen sie über ein monatliches Nettoeinkommen von rund 2200 Euro.

Die Studie handelt auch davon, dass sich Ältere heute nicht als alt erachten: So fühlen sich die 65- bis 85-Jährigen in Deutschland im Durchschnitt zehn Jahre jünger, als sie sind.

 

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