Jüdisches Museum Die Ausstellung "Sag Schibbolet" beschäftigt sich mit Grenzen

Mikael Levin: Café de la Frontière, Akkordeon Portfolio, 2018 Foto: Jüdisches Museum München

Die Ausstellung im Jüdischen Museum in München: "Was gibt’s.... – über sichtbare und unsichtbare Grenzen".

 

"Sag Schibbolet!" – oder du bist tot. In der alttestamentarischen Geschichte von der Flucht der Efraimiter über den Jordan diente der hebräische Begriff, der "Kornähre", aber auch "Wasserlauf, Strudel" bedeutet, als Codewort. Sprache als Erkennungsmerkmal entschied hier über Tod oder Leben – quasi die maximal verschärfte Variante des "Oachkatzlschwoaf": Die Gileaditer töteten 42 000 Efraimiter, weil sie ihre Herkunft verrieten, indem sie das Wort "Sibbolet" aussprachen.

Unter dem Titel "Sag Schibbolet!" präsentiert das Jüdische Museum jetzt eine in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Hohenems entstandene Ausstellung, die sich in sechs Kapiteln "mit sichtbaren und unsichtbaren Grenzen" auseinandersetzt. Kurator Boaz Levin lud dazu 14 internationale Künstler ein, deren durchwegs subtile Arbeiten die Themen Ausschluss, Zugehörigkeit und Fremdheit aufgreifen und in die Gegenwart holen.

Darin untersuchen etwa Caroline Bergvall und Lawrence Abu Hamdan Sprache als Mittel der Ausgrenzung genauer. Bergvall bezieht sich in der Klang-Installation "Say Paysley" auf das so genannte "Petersilien-Massaker" von 1937 auf Hispaniola, bei dem die Aussprache des spanischen Wortes für Petersilie zur Überlebensfrage wurde: Zentausende haitianische Kreolsprecher wurden umgebracht, weil sie es nicht mit rollendem "R" sprachen.

Biometrische Daten künstlerisch übereinanderlegt

Lawrence Abu Hamdan, der auch für das Recherche-Team "Forensic architecture" arbeitet und heuer für den Turner Prize nominiert ist, verbildlicht in "Conflicted Phonemes" Sprachanalysen, anhand derer Asylsuchende in den Niederlanden abgelehnt wurden. Eine großformatige Grafik zeigt am Beispiel somalischer Migranten die komplexen Beziehungen zwischen Geburtstort, Sprache und der Tatsache und inwieweit die prekären Lebensbedingungen der Flucht auf die Sprache zurückwirkt. Abu Hamdan entwickelte eine hochdifferenzierte Untersuchung, die letztlich die Aussagekraft derartiger Herkunftstests infrage stellt.

Das Prinzip der Ausgrenzung durch biometrische Datenerfassung treibt Zach Blas auf die Spitze. Er sammelte in den USA die Gesichtsdaten u.a. von männlichen Homosexuellen, Afroamerikanern und Frauen, die für die Gesichtserkennung ihr Kopftuch abnehmen mussten, und ließ daraus kollektive Masken modellieren – die in der Überlagerung völlig amorphe Gebilde ergeben.

Auch die Frage "Europa – Union oder Festung" steht über einigen Beiträgen, etwa den Fotografien der "Frontex Series" von Leon Kahane, für die er die Warschauer Zentrale der europäischen Grenz- und Küstenwache Frontex aufnahm. Und Pinar Ögrenci lässt in dem Video "A Gentle Breeze Passed Over Us" den irakischen Musiker Ahmed Shaqaqi von seiner Flucht übers Mittelmeer berichten, bei der er vor der Wahl stand, sein Leben oder sein Instrument, die Oud, zu retten.

Auswirkungen der israelischen Siedlungspolitik

Umstrittene und umkämpfte territoriale Grenzen werden ebenfalls thematisiert: So porträtiert Fiamma Montezemolo in ihrem Video "Traces" die auch ohne Trumps Mauer schon monströsen Grenzanlagen zwischen den USA und Mexiko. Fazal Sheikh wiederum hält mit "Desert Bloom" in zwölf Luftaufnahmen die "brutalen Auswirkungen der israelischen Siedlungspolitik" in der Wüste Negev fest: Sie dokumentieren die Errichtung eines Grüngürtels um die Stadt Be’er Scheva. Die nur scheinbar natürliche Grünzone entstand in einem Akt der Willkür, für den die seit Generationen in der Wüste ansässigen Beduinen zwangsumgesiedelt wurden.

"Sprechende Grenzsteine" schließlich schlagen in "Sag Schibbolet" den thematischen Bogen zurück zur lokalen NS-Vergangenheit: Sie erzählen Fluchtgeschichten von Münchnern aus den Jahren 1933 bis 1945 nach.

Jüdisches Museum, Jakobsplatz: bis 23. Februar, Di–So, 10–18 Uhr (Katalog: Bucher Verlag, 29,80 Euro)


 
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