Joker - Das Interview zum Film von Todd Philips Joaquin Phoenix: "Schauspielen ist Jazz"

Gedreht in der Bronx spielt „Joker“ in Gotham City – einer fiktiven Stadt, die unserer Wirklichkeit gefährlich nahe ist. Und Joaquin Phoenix ist hier der Joker! Foto: Niko Tavernise/Warner Bros.

Er ist dafür bekannt, schwierige Charaktere mit großer Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Mit seiner furiosen Joker-Interpretation wird er den Oscar bekommen. Auf den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig wurde "Joker" schon mal mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

 

AZ: Mr. Phoenix, als man Ihnen anbot, Hulk oder Doctor Strange zu spielen, haben sie jedesmal abgelehnt. Was gab denn den Ausschlag, dass Sie beim Joker zugesagt haben?

JOAQUIN PHOENIX: Mich hat es tatsächlich nie gereizt bei den großen Marvel-Comic-Franchise-Movies mitzumischen. Da hätte ich mich auf Jahre hinaus auf diese Rolle festlegen lassen. „Joker“ hingegen ist ein Film, der aus dem Muster der üblichen Comic-Bombast-Movies deutlich herausfällt. Er zeigt, wie aus einem psychisch angeschlagenen jungen Mann namens Arthur Fleck der Joker wird. Diese Entwicklung – oder Deformation – ist das Kernstück der Geschichte. Das darzustellen hat mich unheimlich fasziniert. Außerdem war von vornherein klar, dass es keinen weiteren „Joker“ mit mir geben wird.

Wie haben Sie denn diesen extrem gestörten, narzisstischen Killer in den Griff bekommen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das habe. Denn Arthur ist eine extrem schillernde Figur, die viele neurotische Facetten hat und fast ständig unter furchtbaren Gemütsschwankungen leidet. Ich musste mich also gar nicht um eine stringente Charakterzeichnung kümmern. Aber die Schauspielerei funktioniert für mich sowieso immer dann am besten, wenn ich ganz im Moment bin und alles, was auf mich einströmt, aufnehme und instinktiv darauf reagiere.

Dazu gehört Selbstvertrauen.

Ja, aber das Wichtigste für mich ist, dass ich dem Regisseur absolut vertrauen kann. Nur so kann ich mich komplett fallen lassen. Todd Phillips versteht dieses Suchen nach dem richtigen Feeling. Man darf nicht vergessen, dass ja viel mehr gedreht wird, als dann schließlich im Film zu sehen ist. Allein für die relative kurze Sequenz mit Robert DeNiro als Talk-Show-Host haben wir drei Tage lang gedreht. Da geht auch mal was daneben.

Haben Sie keine Angst, manchmal zu weit zu gehen und den Zuschauer zu überfordern?

Um wirklich angstfrei spielen zu können, muss man sich von der Erwartungshaltung des Zuschauers frei machen. Wenn ich vor der Kamera stehe, kommuniziere ich mit dem Regisseur und natürlich auch mit den anderen Schauspielern. Der Rest ist mir egal. Gute Schauspielerei ist Jazz – nicht Mathematik. Die Schwierigkeit besteht darin, die richtige Balance zu finden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich war das „Joker“-Drehbuch akribisch ausgearbeitet, dramaturgisch präzise und jeder Charakter, jedes Detail minutiös festgelegt. Das war das Sprungbrett. Dann musste man springen.

Konnten Sie dieses furchtbar irre Lachen nach dem Ende der Dreharbeiten wieder loswerden?

Das hat einige Zeit gedauert. Aber jetzt lache ich wieder unbeschwert. Natürlich waren diese Dreharbeiten sehr intensiv. Währenddessen habe ich mich fast ausschließlich mit der Rolle befasst. Gedanklich und auch emotional. Der Joker wurde also in gewisser Weise mein Leben. Ich habe ihn gespielt, mit dem Regisseur darüber geredet, abends die neuen Texte für den nächsten Tag auswendig gelernt und dann etwas geschlafen. Am nächsten Morgen wieder ans Set. Ich habe mich während dieser Zeit mit niemandem getroffen, kaum telefoniert. Ich war auf einer strengen Diät, deshalb konnte ich mich nicht mal mit jemanden auf einen Drink oder zum Abendessen verabreden. Aber dann war Drehschluss - und jetzt ist der Joker Geschichte.

Als Joker haben Sie mit inneren Dämonen zu kämpfen, müssen Traumata verdrängen. Färbt so etwas nicht ab?

Nein. Ich bin ein sehr fröhlicher und ausgeglichener Mensch. Allerdings habe ich oft das Gefühl, die Leute denken, ich sei voller Probleme und schrecklicher Erlebnisse, die mich ständig heimsuchen. Das hängt wahrscheinlich vor allem damit zusammen, dass mein Bruder River vor 26 Jahren einen tragischen Tod gestorben ist, bei dem ich Zeuge war. Und dass mein telefonischer Hilferuf, den ich damals machte, um einen Krankenwagen zu bekommen, tagelang in den Medien immer und immer wieder abgespielt wurde. Das hat mich natürlich geschockt. Mit der Zeit bin ich aber darüber hinweggekommen.

Sie hatten eine glückliche Kindheit?

Wenn ich mich heute mit Freunden über deren Kindheit unterhalte, bedauere ich sie oft. Denn meine Kindheit war sehr viel besser und unbeschwerter. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es viel Liebe, Freude und Verständnis gab. Das hat mich sehr geprägt und mir ein gutes Fundament gegeben, um mein Leben darauf aufzubauen. Die Probleme, mit denen ich mich heute herumschlage, haben meist einen kosmischen Ursprung. Ich kann zum Beispiel immer noch nicht wirklich begreifen, wie ich in der materiellen Welt lebe und doch auch ein Teil der spirituellen Welt bin.

Das klingt sehr abgeklärt für einen Hollywood-Star…

… lassen wir den Star jetzt mal weg. Ich bin vor allem Mensch: ein suchender Mensch, der noch viele Fragen ans Leben hat. Aber ein paar Antworten habe ich auch schon gefunden. Früher habe ich, zum Beispiel, viel geraucht und Alkohol getrunken. Das mache ich schon lange nicht mehr. Wenn ich meinen Körper vernachlässige und mich l schlecht ernähre, hat das sehr schnell negative Auswirkungen auf meine Stimmung. Und es geht mir auch geistig schlecht. Im Gegensatz dazu fühle ich mich wohl, wenn ich vegan esse, Spaziergänge mache und genügend Schlaf bekomme. Ich lebe bewusst, intensiv und weitab von Hollywood.

Können Sie das noch etwas näher erläutern?

Ich reise zum Beispiel sehr gerne. Und ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie. Ich habe immer noch ein sehr enges Verhältnis zu meinen Geschwistern und meiner Mutter. Und von meiner Mutter habe ich meinen unausrottbaren Optimismus. Sie müssen sich mal vorstellen: In meiner frühen Kindheit lebte unsere Familie oft an der Armutsgrenze. Aber ich habe das nie als Mangel oder Bedrohung empfunden. Wir waren eine fröhliche Familie mit viel Liebe und Freude in unserem Leben. Und diese Freude auch in die Welt zu tragen und anderen zu helfen ist mir auch heute noch ein großes Anliegen. Deshalb habe ich zusammen mit meiner Mutter im Jahr 2012 „The River Phoenix Center for Peacebuilding“ gegründet.

Was wird dort gemacht?

Dort versuchen wir, Opfer und Täter zusammenzubringen, damit sie miteinander über die Tat reden. Wir haben da große Erfolge. Meine Mutter hat zum Beispiel einen Mann aus Florida, der Zuhause überfallen wurde, dazu gebracht, sich mit dem Täter zu treffen. Das war zunächst sehr schwierig, weil der Mann durch den Überfall so traumatisiert war, dass er sogar den Bundesstaat verlassen hat. Meine Mutter hat das Opfer davon überzeugt, dass es für seine seelische Heilung gut wäre, den Täter zu treffen. Was dann auch geschah. Da stellte sich heraus, dass der Täter ein 17-Jähriger war, der keine Schulbildung hatte, kein Geld, keine Familie und keine Perspektive. Und die beiden sind tatsächlich Freunde geworden. Der Mann hat sich sogar dafür eingesetzt, dass der Täter früher aus dem Gefängnis entlassen wird. Ich bin ein großer Fan von Resozialisierung. Und ich halte das amerikanische Rechtssystem für total rückwärtsgewandt. Da gilt immer noch: Hart bestrafen und einsperren. Obwohl das überhaupt nichts nützt. Sonst wären unsere Gefängnisse kaum so überfüllt. In den USA gibt es immer noch viel zu viel Gewalt. Und leider auch immer mehr Leute, die Gewalt schüren. Dagegen müssen wir etwas tun.

Und Sie sind überzeugt, dass Sie da etwas ändern können?

Absolut. Wenn die Gesellschaft moralisch verrottet, dann ist es umso wichtiger, dass wir ein Gegengewicht setzen und uns nicht durch Gewalt korrumpieren lassen. Jeder von uns hat eine moralische Verpflichtung, die guten Werte und ethischen Errungenschaften aufrecht zu erhalten. Auf jeden Fall müssen wir den Teufelskreis von Gewalt durchbrechen!

 

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