Johann Sebastian Bach Dreimal Weihnachtsoratorium in München - ein Vergleich

Der Münchener Bach-Chor Foto: Johannes Rodach

Drei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach – geleitet von Richard Egarr, Hansjörg Albrecht und Rubén Dubrovsky

 

Dreimal hörte der Autor dieser Zeilen innerhalb einer Woche das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Dreimal wurden die sechs Kantaten in der Philharmonie vollständig aufgeführt, das macht zusammen 12 Solisten, vier Chöre und drei Orchester in guten neun Stunden Gesamtdauer. Die Lewitung hatten Richard Egarr, Hansjörg Albrecht und Rubén Dubrovsky, also ein Engländer, ein Deutscher und ein argentinischer Wahl-Wiener.

Das sieht nach Vielfalt aus, so nach dem Motto: Jeder macht es auf seine Weise und alles hat seine Berechtigung. So ist es aber an diesen drei Abenden nicht gewesen, und so harmonieliebend der Rezensent auch ist, kann er im Rückblick einen solchen Weihnachtsfrieden nicht einhalten. Keine der Aufführungen ist den Ansprüchen des Weihnachtsoratoriums gerecht geworden, etwa den weitläufigen melodischen und harmonischen Entwicklungen, die Bach komponiert hat. Der Grund hierfür ist, dass alle drei Ensembleleiter von außen einen Stil über das Werk gestülpt haben, der irgendwie von den Ideen der historisierenden Aufführungspraxis angehaucht ist.

Für Korrekturen wären Proben da

So zerhacken alle gleichermaßen die Melodien in ihre Einzelteile. Jeder notierte Bogen wird bis zur Entstellung überdeutlich ausgeführt. Das war aber gerade nicht das Anliegen der seinerseits von Nikolaus Harnoncourt propagierten „Klangrede“, die vielmehr Sinnbezüge herstellen sollte, die vorher im Dauerlegato übertüncht worden waren. Aber man redet doch natürlicherweise in einem Fluss und macht dabei nicht nach jedem Wort eine Pause – oder nach jeder Silbe.

Jeder der drei Gesamtleiter zitiert nach Gutdünken historisierende Klischees und übertreibt sie in eine Richtung. Dubrovsky hat mit dem Bach Collegium das rhythmische Moment überbetont. Albrecht sucht mit dem Bach Chor, wie es seine Art ist, nach Dramatik, gerät dabei aber immer wieder in ein unschönes Durchexekutieren hinein, wenn er Kontraste plakativ setzt und immer wieder martialisch in die Instrumente schlagen und hauen lässt. In den Eingangschor zur vierten Kantate „Fallt mit Danken“ komponiert er sogar eine Paukenstimme hinein – eine unhistorische Schnapsidee.

Egarr mit der KlangVerwaltung hingegen beginnt den Eingangschor zur ersten Kantate „Jauchzet, frohlocket“ in einer so absurden Geschwindigkeit, als ob er auf einen falschen Knopf gedrückt hätte. Dann merkt er, dass es nicht funktioniert und schaltet auf Normaltempo. Für solche Korrekturen wäre eigentlich die Probe da. Dass so etwas im Konzert passiert, kann man schwerlich professionell nennen.

Überhaupt ist in allen drei Aufführungen die Balance der Orchester unausgeglichen. Negativer Spitzenreiter ist hier Egarr, der beim Orchester der KlangVerwaltung einfach zuviel Kraut und Rüben sprießen lässt. Da tönen etwa im Oboenchor der zweiten Kantate die tiefen Englischhörner durchweg zu laut, während die dünn besetzten Streicher untergehen, sobald die an sich sehr guten Trompeten loslegen und die Pauke losdrischt. Warum hat sich aber Bach die Mühe gegeben, alle diese Noten aufzuschreiben? Sie werden in gestresstes Gedudel überführt.

Nichts Halbes und nichts Ganzes

Befremdlich ist auch Egarrs Praxis, mit der linken Hand rudimentäre Taktbewegungen zu vollführen und mit der rechten am Cembalo unvollständige Akkorde zu spielen. Das ist nichts Halbes, aber schon gar nichts Ganzes. Was hätte Bach dazu gesagt? Einsätze, die deutlich gegeben werden müssten, verwackeln trotzdem, wie schon bei Dubrovsky.

Am besten einstudiert ist das Münchener Bach-Orchester bei Albrecht, dafür irritieren bei ihm die selbst erfundenen Geräuscheffekte. Ein durchdachtes Verhältnis von Chor und Orchester begegnet dem Zuhörer in keinem der Konzerte. Selbst die beiden wenig substanzvoll, eher schmalbrüstig erscheinenden Chöre von Dubrovsky (Chor des Bach Collegium plus Wiener Kammerchor) und Albrecht (Münchener Bach-Chor) decken das Orchester zu, das so auf einen bloßen Klang-Hintergrund reduziert wird – es ist jedoch bei Bach an der Polyphonie beteiligt.

Vollends im Mittelpunkt steht der Philharmonische Chor München bei Egarr mit der KlangVerwaltung. Zu Recht, denn er stellt in der Einstudierung von Andreas Herrmann die beiden anderen Ensembles in den Schatten: Alle Register, auch die Mittelstimmen, sind stark an Färbung, sodass man die einzelnen Stimmen nicht nur verfolgen, sondern auch hörend genießen kann. Das Tutti strahlt machtvoll und ist doch wunderbar warm timbriert. Schade, dass Egarr, wie auch seine Kollegen, mit den Chorälen nichts anfangen kann, die er alle unterschiedslos intonieren lässt, ohne Augenmerk auf den bei Bach so wichtigen geistlichen Sinn.

Geschäftiges Durchmusizieren

Gut, dass nicht alle Solisten das geschäftige Durchmusizieren ihrer Ensembleleiter, das manchmal wirkt, als ob Zeit gespart werden soll, mitmachen. Eine kleine Sensation ist Patrick Grahl, der bei Egarr den Evangelisten nicht nur mit ausgesprochen schönem, höhen- wie tiefenstarkem, dabei phänomenal beweglichem Tenor singt, sondern diese Partie auch ruhig und ernsthaft gestaltet. Sarah Wegener mit ihrem schweren, sinnlichen Sopran und Anke Vondung mit ihrer schimmernd timbrierten Altstimme und ihrem Talent zur fesselnden Verkündigung wirken Egarrs hektischer Beliebigkeit entgegen, ebenfalls der Bassist Christian Immler, der seine Rezitative nur momentweise mit Bedeutsamkeit überfrachtet.

Bei Albrecht hingegen ist der zierliche Sopran von Robin Johannsen nur in der Höhe wirklich wahrzunehmen, während der Tenor Daniel Johannsen und der Bariton Benjamin Appl ihre Parts pädagogisch überzogen gestalten. Die Altistin Sarah Ferede würde ihre üppige Stimme gerne einmal ausbreiten. Aber dann setzt ihr Albrechts Hang zur Zackigkeit zu.

Wie lautet das Fazit nach drei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums? Kopiert doch weniger einen herrschenden Stil. Schaut lieber wieder einmal mit unvoreingenommen frischem Blick in die Partitur selbst hinein. Bach hat nicht historisch komponiert.

Die Matthäuspassion von Bach in der Philharmonie: Montag, 6. April, 19 Uhr, Chor & Orchester Bach Collegium München. Leitung: Rubén Dubrovsky.
Karfreitag, 10. April, 14 Uhr: Münchener Bach-Chor und Orchester unter Hansjörg Albrecht. Am selben Tag, 19 Uhr: Orchester und Chor der KlangVerwaltung unter Jos van Immerseel


 
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