Jetzt gibt's Übertrittszeugnisse Schicksalstag für Bayerns Viertklässler

Heute gibt es in Bayern die Übertrittszeugnisse – der Druck auf die Kinder ist oft brutal

 

MÜNCHEN Für 106000 bayerische Viertklässler werden am heutigen Donnerstag wichtige Weichen für ihr restliches Leben gestellt: Sie bekommen ihre Übertrittszeugnisse. Ihre Noten entscheiden, ob sie auf Gymnasium, Realschule oder Mittelschule geschickt werden. „Dieser Tag wird als Schicksalstermin wahrgenommen“, so Klaus Wenzel, Präsident des bayerischen Lehrerverbandes BLLV. Entsprechend begleitet von Druck und Frust.

Es kommt auf drei Noten an: die in Mathe, die in Deutsch und die in Heimat & Sachunterricht (HSU). Bei einem Schnitt von 2,33 und besser darf das Kind aufs Gymnasium, bis 2,66 auf die Realschule, darunter bleibt nur die Mittelschule (früher: Hauptschule). Für die betroffenen Kinder – in der Regel neun oder zehn Jahre alt – bedeutete das in den vergangenen Wochen lernen, lernen, lernen, so viel, wie es nur geht.

Eine Grundschullehrerin beschreibt auf der Homepage des BLLV die Folgen: „Ich sehe täglich, wie sich der Druck auswirkt: Kinder mit Kopf- und Bauchschmerzen, Eltern, die ihre Kinder auch krank in die Schule schicken, aus Angst, sie könnten etwas versäumen, nachts schlechte Träume.“ Auch viele Familiendramen seien dem Übertritt geschuldet. Häufig erlebe sie auch, wie die Eltern ihrem Kind noch zusätzlichen Druck aufbürden: „Wenn ich den Übertritt aufs Gymnasium schaffe, dann fliegt unsere ganze Familie nach Florida. Wenn nicht, machen wir Urlaub in Deutschland oder gar nicht“, sei ein typischer Satz ihrer Schüler.

Am besten wäre eine gemeinsame Schulzeit von zehn Jahren, sagen die Lehrer

Auch an die Lehrer wird der Druck weitergegeben. Wenzel berichtet von Telefonterror. Von Eltern, die mit den Anwalt kommen. Oder die Fächer wie Musik oder Konflikttraining streichen wollen, damit noch mehr Mathe, Deutsch und HSU gepaukt werden kann. „Das Kind wird reduziert auf drei Noten“, klagt der Lehrerchef. Sein Verband hält es schon lange für sinnvoll, die frühe Auslese abzuschaffen. Am besten wäre eine gemeinsame Schulzeit von acht oder noch besser zehn Jahren, sagt Wenzel.

Der Verband der bayerischen Gymnasiallehrer hält es auch für keinen Ausweg, nicht die Noten, sondern die Eltern entscheiden zu lassen, wenn schon so früh selektiert wird. Verbandschef Max Schmidt: „Je freier die Elternwahl, desto größer die soziale Ungleichheit.“ Er verweist auf Baden-Württemberg, wo dieses Prinzip gilt – und wo es eine hohe Zahl von Schülern gibt, die nach der fünften Klasse Gymnasium durchfallen. „Kinder in diesem Alter die Erfahrung des Scheiterns machen zu lassen, ist für sie frustrierend.“

Das bayerische Kultusministerium will an der Praxis festhalten. Es verweist darauf, dass die Schularten durchlässig seien – wer wolle, könne auch später den Weg zum Abitur gehen. Erfahrungsgemäß bekommen 51 Prozent der Viertklässler eine Empfehlung fürs Gymnasium, 16 Prozent für die Realschule. Tatsächlich wechseln 40 Prozent Gymnasium, 28 Prozent Realschule, 31 Prozent Mittelschule.

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