AZ-Filmkritik „Girl on the Train“: Bin ich gar selbst die Täterin?

Kann sie ihren Erinnerungen trauen? Emily Blunt als Rachel in „Girl on the Train". Foto: Constantin

Die Bestsellerverfilmung „Girl on the Train“ mit Emily Blunt betreibt ein spannendes Spiel mit der Unsicherheit.

 

Bahn-Pendler kennen das: Das Geschehen vor dem Zugfenster wird – sofern man nicht durch ein gutes Buch oder das böse Smartphone abgelenkt ist – jeden Tag wieder zum Kinofilm. Man kennt die Häuser, kennt die Gärten und nimmt mehr oder weniger freiwillig am Leben der anderen teil. So geht es auch Rachel (Emily Blunt), die täglich nach New York fährt, obwohl sie dort schon lange keinen Job mehr hat. Aber der Schein soll gewahrt werden.

In einem Haus an der Bahnlinie wohnt ein perfekt anmutendes Paar, dessen Leben Rachel aufmerksam verfolgt. Sie, deren eigenes Leben von einer Scheidung und von Alkohol geprägt ist, träumt sich in diese schöne Zweisamkeit hinein.
Sie kennt die Gegend: Ein paar Häuser weiter wohnt ihr Ex mit seiner neuen Frau und dem gemeinsamen Baby. Und von diesem Ex kommt sie nicht los.

Über 15 Millionen Mal verkauft

Als eines Tages das hübsche Kindermädchen der beiden verschwindet, gerät Rachel in Verdacht und ermittelt in „Girl on the Train“ auf eigene Faust.
Der gleichnamige Roman von Paula Hawkins war ein Bestseller: Über 15 Millionen Mal hat sich der Thriller verkauft. Tate Taylor hat das Buch nun verfilmt, mit einigen Abweichungen von der Vorlage: Der Schauplatz wurde von London nach New York verlegt, das Ensemble wurde mit noch mehr Frauen besetzt.

Und am Ensemble gibt es auch nichts zu meckern. Vor allem Emily Blunt spielt großartig: Sie lässt ihre Rachel und auch den Zuschauer bis zuletzt im Unklaren darüber, ob sie ihren vom Alkohol verzerrten Erinnerungen und Sinneseindrücken vertrauen kann. Mal möchte man sie anschreien, sie soll gefälligst aufhören zu trinken, im nächsten Moment möchte man sie in den Arm nehmen, weil die Welt über ihr zusammenbricht.

Aber die Handlung kommt nur langsam in Gang. Erst werden nacheinander die drei Frauenfiguren mit jeweils eigener Namenseinblendung eingeführt – und man befürchtet schon stärkste Verschwurbelungen. Dann werden die drei Lebensstränge aber bald miteinander verwoben, und Rachel macht sich auf die Suche nach der verschwundenen Megan (Haley Bennett). Praktisch jeder ist mal verdächtig, mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben, einschließlich Rachel selbst.

Man trifft einen alten Bekannten

Eine zufällige Begegnung mit einer alten Bekannten im Zug verändert plötzlich alles, Rachel verliert einerseits den Boden unter den Füßen, andererseits wird genau das zur Quelle einer neuen Kraft – für sie und die Handlung. Ab hier nimmt der Film endlich Fahrt auf, um dann zum spannenden Finale zu kommen.

Und obwohl es am Ende recht brutal zugeht (keine Angst: Man sieht nicht viel Schlimmes), kann man es sich vielleicht nicht verkneifen, an einer Stelle kurz zu lachen. Im echten Leben wäre das völlig unangemessen, aber im Kino darf man das.
Und dann ist man froh, dass das eigene Pendeln so beschaulich ist.   


Regie: Tate Taylor (USA, 112 Min.)

Kino: CinemaxX, Eldorado, Gloria, Solln, Leopold, Mathäser, Atelier (OmU), Cinema (OV)

 

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