Jazz Klaus Doldinger über seine neue Platte "Motherhood"

Klaus Doldinger. Foto: dpa

Klaus Doldinger, der 83-jährige Jazzer und Komponist der „Tatort“-Melodie, über seine lange Karriere und sein neues Album „Motherhood“

 

In den Jahren 1969 und 1970 veröffentlichte Klaus Doldinger zwei Alben mit dem Projekt „The Motherhood“: Die Musik verband Jazz mit Rock, Soul und dem, was man später Weltmusik nennen sollte.

Zum 50. Jubiläum hat Doldinger mit seiner Band Passport einige „Motherhood“-Stücke für ein gleichnamiges Album neu aufgenommen. Aus diesem Anlass spricht der 83-jährige Jazzer und Soundtrack-Komponist mit der AZ über sein musikalisches Leben.

AZ: Herr Doldinger, wie sind Sie eigentlich zum Jazz gekommen?
KLAUS DOLDINGER: Die Jazz-Begeisterung hatte mich schon zu Kriegsende ergriffen, bei einem kurzen Aufenthalt in der amerikanischen Zone. Damals haben wir in Schrobenhausen erlebt, wie die US-Army die Macht übernommen hat. Die Soldaten kämpften sogar noch im Garten nebenan. Und genau dort habe ich dann auch die ersten US-Jazzer musizieren gehört, und das hat mich gepackt. Wie frei die improvisierten, die rhythmische Musik, die sie spielten – das hat mich total überzeugt.

Wie haben Sie selbst zu spielen gelernt?
Meine Eltern hatten den Einfall, mich nicht nur auf ein Gymnasium, sondern auch auf ein Konservatorium zu stecken. Das habe ich mit großer Freude wahrgenommen.

Ich nehme an, dass da eher kein Jazz gelehrt wurde.
Überhaupt nicht, das war verpönt.

Wie hat Ihre Karriere als Jazzer dann begonnen?
Ich habe in den fünfziger Jahren in Düsseldorf in der Dixieland-Band The Feetwarmers gespielt, wir hatten ein New Orleans-Repertoire. Ich hatte den Spitznamen Oscar, weil ich immer von Oscar Petersen geschwärmt habe und es in der Band noch einige andere Kläuse gab. Old Time Jazz war damals sehr populär. Aber ich habe auch mein Herz an den Modern Jazz verloren. Ich habe bereits als Schüler Dizzy Gillespie gehört und Lionel Hampton mit einer irrsinnigen Band.

Schon wenig später spielten Sie selbst erstmals in den USA. Wie kam’s?
Wir haben mit den Feetwarmers 1956 bei einem Amateur-Jazzfestival den ersten Preis gewonnen. Coca-Cola hatte das gesponsert und uns zu einer USA-Tour eingeladen. Wir konnten in New York, Chicago, New Orleans und Atlanta spielen, der Heimatstätte von Coca-Cola.

Wie war’s?
Fantastisch, wir wussten gar nicht, wie uns geschah. Zu den Auftritten kamen einige große Namen der Jazz-Szene. Die hatten zwar ein Standing, verdienten aber nicht besonders viel und kamen gern, weil es etwas zu essen und trinken gab.

In New Orleans haben Sie dann sogar die Ehrenbürgerwürde erhalten. Wie das?
Man hatte uns eingeladen und mir das zugestanden. Das hat mich total überrascht, ich wusste gar nichts damit anzufangen. Aber eines war merkwürdig: Schwarze Musiker spielten uns ein Ständchen und wir sollten dann mitspielen. Aber die Gastgeber wollten das nicht, sie sagten: Ihr seid doch Deutsche, ihr könnt hier nicht mit schwarzen Musikern spielen! Ich konnte nicht begreifen, dass sie uns das untersagt haben. Das brachte mich sehr ins Grübeln.

Wie begann Ihre Plattenkarriere?
1961 kam ein junger Mann auf mich zu, der am Anfang seiner Produzentenkarriere bei der Firma Philipps stand: Siggi Loch. Er wollte unbedingt eine Platte mit mir produzieren. Ich hatte damals ein Trio, daraus wurde dann mit dem Pianisten Ingfried Hoffmann das Klaus Doldinger Quartett. So entstand 1962 unser erstes Album. Es hat mich gefreut, aber auch nicht umgehauen. Wir waren ja eher Jazzliebhaber, und was sich später noch alles entwickeln sollte in der Musikszene war noch weit entfernt. Es war alles noch recht unschuldig. Erst später entstanden dann Agenturen, die sich darum kümmerten, dass man als Musiker gut beschäftigt war.

Sie haben wenig später auch angefangen, Filmmusik zu machen.
Die Firmen, die Spots für Filme produzierten, waren im Aufwind, zum Beispiel die Bavaria. Ich wurde für verschiedene kleine Projekte engagiert, habe mich aus der Praxis herangearbeitet, ohne das wirklich erlernt zu haben. Da kam eins zum anderen, ohne dass ich mich da durchbeißen musste.

War Filmmusik sehr viel lukrativer als Jazz?
Das war noch nicht das Thema, in dieser Gedankenwelt habe ich mich damals nicht bewegt. Aber es hat sich später herausgestellt, dass es da Unterschiede gab.

1970 haben Sie die „Tatort“-Titelmusik geschrieben, die noch heute Millionen Menschen am Sonntagabend hören. Wie kam das zustande?
Der WDR fragte, ob ich Lust hätte, die Titelmusik zu schreiben. Das habe ich mit Freuden gemacht, und sie haben gleich die erste Musik angenommen, die ich ihnen vorgeschlagen habe. Wir haben diese Musik immer mal wieder mit unterschiedlicher Instrumentierung aufgenommen. Es war natürlich noch nicht daran zu denken, dass so viele Tatorte gleichzeitig produziert werden. Am Anfang gab es nur zwei, drei Filme im Jahr.

Udo Lindenberg war damals Schlagzeuger Ihrer Band. Spielte er auch bei der „Tatort“-Melodie?
Ja, bei einer frühen Version. Aber wir haben es dann noch mal neu aufgenommen, als Udo seinen eigenen Weg gegangen war. Er hat zwei Jahre bei mir gespielt, obwohl er damals in Hamburg auch schon mit anderen Leuten musiziert hat. Mir hat das damals sehr gutgetan, ich konnte ihn in seiner ganzen Art sehr gut leiden. Er hat vor mir ein bisschen verborgen, dass er auch Sänger ist, er hat immer davor gekniffen zu singen.

Auf der neuen Platte „Motherhood“ ist aber eine Gesangsspur von ihm aus dem Jahr 1970 zu hören. Letztlich hat er wohl doch gesungen.
Ja, später hat er sich dann dazu bekannt.

Wie kam es denn, dass Sie sich dieser fünfzig Jahre alten Musik noch mal zugewendet haben?
Das war eine Idee der Plattenfirma, ich wäre da gar nicht ohne weiteres drauf gekommen. Wir haben in meinem Studio in Icking die Stücke der alten Band neu aufgenommen, drei Stücke am Tag. So konnten wir noch mal in diese Zeit einzutauchen – mit der Auffassung unserer Tage.

Sie sind auch bei der GEMA sehr aktiv. Wie kam’s?
In den Achtzigern hat mich ein Kollege aus Köln gebeten, da mitzumachen. Ich war seit zehn Jahren GEMA-Mitglied, habe meine Tantiemen bekommen, aber gar nicht gewusst, worum es wirklich geht. Ich habe mich erst mal mit den Regeln vertraut gemacht, habe das GEMA-Jahrbuch gelesen, ein wirklich umfangreiches Werk mit allen gesetzlichen Vorgaben zum Urheberrecht. Man muss sich da erst mal über Jahre einarbeiten.

Ist das für einen kreativen Menschen nicht unfassbar langweilig?
Man muss sich daran gewöhnen, aber ich habe es als sinnvolle Aufgabe erkannt. Ich war völlig überrascht, was es da alles für Überlegungen gab.

Im digitalen Zeitalter ist alles noch komplexer und schwieriger geworden. Wenn Sie heute zwanzig wären, würden Sie noch mal Musiker werden wollen?
Selbstverständlich! Warum nicht? Es ist zwar für junge Musiker komplexer geworden – aber dadurch auch interessanter. Dominik Petzold

Klaus Doldinger’s Passport: „Motherhood“, erschienen bei Warner Music. Live spielt Klaus Doldinger’s Passport am 9. Dezember im Prinzregententheater, Karten unter Telefon 54 81 81 81

 

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