Japan im Museum Fünf Kontinente Philipp Franz von Siebold: Blick in den Sonnenaufgang

Servierschüssel in Gestalt eines Kranichs aus derEdo-Zeit (1603–1868). Foto: Nicolai Kästner/MFK

Der Arzt und Abenteurer Philipp Franz von Siebold kam schon nach Japan, als es noch völlig abgeschlossen war. Um 1850 hat seine Sammlung den Europäern die Augen geöffnet

 

Er hat gesammelt, was ihm unter die Finger kam: Lackkästchen, Wandschirme und vergoldete Buddha-Figuren genauso wie Reiskekse, Kreisel und Magenpillen. In dieser schrägen Mischung ist das heute noch so attraktiv wie vor fast 200 Jahren, als Philipp Franz von Siebold zum ersten Mal zurück aus Japan kam. Damals allerdings führte der Arzt und Forscher den Europäern einen fremden, über Jahrhunderte abgeschlossenen Kosmos vor Augen. Der ist nun in seiner ganzen Vielfalt unter dem Titel „Collecting Japan“ im Museum Fünf Kontinente ausgebreitet. Und selbst durch die fein geordneten Vitrinen hindurch riecht man das Abenteuer.

Unverfroren japanischen Boden betreten

Denn dass der junge Siebold, der 1796 in eine Würzburger Medizinerfamilie geboren wurde, überhaupt japanischen Boden betreten durfte, hat mit seiner Unverfrorenheit zu tun. Ohne besondere Berufserfahrung heuerte er 1822 als Stabsarzt bei den niederländischen Militärbehörden für Ostindien an und gab sich kurzerhand als Holländer aus. Neben den Chinesen waren das die einzigen, mit denen die Japaner überhaupt Handel pflegten. Streng limitiert natürlich und auch nur aus einer gewissen Distanz heraus. Wie Quarantänekandidaten mussten sich die Fremden auf der Insel Dejima vor Nagasaki aufhalten, die Stadt selbst durften sie nur im Ausnahmefall betreten.

Er war ein Exot mit Format

Mit seinen modisch in die Stirn gekämmten Haaren und der spitzen langen Nase muss Siebold sofort aufgefallen sein. Er hat ja auch etwas hergemacht, trat selbstbewusst und kompetent auf. Für die Japaner war der Europäer aber nicht nur äußerlich ein Exot, auch seine Berichte aus dem Westen und erst recht sein Wissen galten als heiße Ware. Bedeutende Gelehrte suchten den Austausch mit ihm, bald schon hatte er zahlreiche Schüler, die die westliche Medizin studieren wollten, und die Patienten standen Schlange.
Dass Siebold kein Holländisch sprach, störte keinen, er hatte ja etwas zu bieten. Und, um sich erkenntlich zu erweisen – mit Geld bezahlen war verpönt –, brachten Schüler wie Patienten regelmäßig Geschenke. So entstand Siebolds Sammlung, die von Anfang an den japanischen Alltag widerspiegeln sollte, von kostbaren Tempel- oder Theatergewändern bis hin zu einfachen Strohsandalen oder einer Pfanne fürs Omelette. Selbst geografische Karten wurden getauscht, was streng untersagt, aber schwerlich zu verhindern war. Schon weil es auf beiden Seiten Bedarf gab.

Verbotenes Kartenmaterial brachte die Verbannung

Dem Deutschen brachte das die Verbannung ein, denn in seinem Gepäck wurden nagelneue Landkarten gefunden, die ihm der Hofastronom Takahashi gegeben hatte. Siebold kam mit einem blauen Auge davon und konnte nach langwierigen Vernehmungen 1830 schließlich zurück nach Europa segeln. Doch sein japanisches Umfeld wurde hart bestraft, und der Astronom starb in der Haft, was zu wilden Spekulationen geführt hat.
Tatsächlich wird die so genannte „Affäre Siebold“ immer noch gerne zum großen Spionagefall hochstilisiert, doch Kurator Bruno Richtsfeld winkt sofort ab. So etwas mag einer eh schon aufregenden Biografie den letzten Thrill geben. Aber Siebold hätte dann nicht die beschlagnahmten Kultur- und Alltagsgegenstände, die Tier- und Pflanzenpräparate mitnehmen dürfen – inklusive der fatalen Karte. Genauso wenig wäre die Verbannung auf Lebzeiten kaum zurückgenommen worden.

Eingang in die „Königliche Ethnographische Sammlung“

Davon profitiert München jetzt in besonderem Maße. Denn was Siebold bei seiner zweiten Japan-Reise zwischen 1859 und 1863 zusammengetragen hat, bildet den Grundstock des Museums Fünf Kontinente, das als „Königliche Ethnographische Sammlung“ gegründet wurde. Siebold bekam davon nichts mehr mit, er starb 1866, nachdem er seine eindrucksvollen Objekte immer wieder angedient hatte – 1864 auch König Ludwig II. Aber der war in dieser Zeit auf ganz anderes fixiert wie etwa die Opern Richard Wagners.
Immerhin konnte Siebold seine raren Schätze präsentieren. Kurz vor seinem Tod eröffnete er im nördlichen Galeriegebäude am Hofgarten eine minutiös durchkonzipierte Ausstellung. Und damit erweist sich der Forscher auch als einer der ersten Museologen. Sein Ordnungs- und Kategorisierungssystem sollte ein möglichst präzises Bild der japanischen Kultur vermitteln. Dieses historische Konzept haben Bruno Richtsfeld und Direktorin Uta Werlich nun übernommen, das ist der Clou und zugleich auch die Crux dieser 300-Objekte-Schau.

„Buddha des unermesslichen Glanzes“

Medizinische Geräte und Spielzeug gehörten zum Beispiel in eine Gruppe, das würde man heute so nicht kombinieren. Andererseits prallen ja auch im Alltag oft genug Welten aufeinander. Und jetzt sind es eben die Aderlassgeräte, ein mit Sand gefüllter Bauchwärmer oder die Akupunkturnadeln, die quasi neben einem hinreißenden Muschelspiel, Kinderrasseln und einem Zikadenkäfig liegen. Dreht man sich, steht dort eine Amida-Trias aus der späten Edo-Zeit (1603-1868), also ein „Buddha des unermesslichen Glanzes“ auf seiner Lotosblüte zwischen zwei Begleitern. Und im Nebenraum staunt man über viel zu hohe, definitiv unbequeme Frauenschuhe. High Heels sozusagen. Aber so ist halt das ganz normale Leben. Im Westen wie im Osten.   

„Collecting Japan. Philipp Franz von Siebolds Vision vom Fernen Osten“, bis 26. April im Museum Fünf Kontinente, Maximilianstr. 42, Di bis So 9.30 – 17.30 Uhr
 

 

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