Jan Ullrich und seine Sara Wir halten zusammen - anders als die Wulffs

Er hat als einziger Deutscher die Tour de France gewonnen. Jetzt hat Ullrich Doping zugegeben. Ein Besuch bei einem gefallenen Helden, der jetzt vor allem auf den Rückhalt seiner Frau Sara setzt.

Scherzingen - Großreinemachen bei Ullrichs. Staub saugen und wischen, Fenster putzen und Fliesen wienern. Sara Ullrich bittet um Nachsicht. Aber ein anderer Tag für einen Hausbesuch in der Prachtvilla im toskanischen Stil am Bodensee war im vollen Terminkalender ihres Mannes nicht mehr frei. Wegen der 100. Tour de France waren zig Interview-Anfragen eingegangen. Schließlich hat Jan Ullrich die 84. gewonnen. Der „Focus” zählte zu den „Auserwählten”.

Dort gab Ullrich Blutdoping zu. Als Großreinemachen konnte man das aber nicht bezeichnen, was Ulle, wie er zu seiner aktiven Zeit genannt wurde, da von sich gab. „Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen, aber keine anderen Dopingmittel verwendet als mein eigenes Blut”, sagte er. Applaus, Anerkennung für das Geständnis, das gab es nicht. DOSB-Präsident Thomas Bach kommentierte die Beichte: „Er hätte schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen.” Ullrich war von den Reaktionen überrascht. „Ich finde es schade, dass meine Worte wieder für so viel Wirbel sorgen. Im Grunde habe ich nur das wiederholt, was ich schon vor einem Jahr gesagt habe und wofür ich auch verurteilt worden bin”, sagte er der „BamS”. Der ehemalige Tour-Sieger tritt nun gerne unter Hobby-Radlern bei Amateurevents an. „Die mögen mich, nerven nicht mit Dopingfragen.”

Ullrichs gebräuntes Gesicht strahlt Zufriedenheit aus, es ist etwas rundlich geworden. „Ohne meine Frau hätte ich die letzten Jahre nicht durchgestanden”, sagt er, der mit Sara drei Kinder Max (5 Jahre), Benno (2), Toni (sieben Monate) hat, und greift ganz zärtlich nach Saras Hand. „Meine Traumfrau. Ein starker Mann ist nichts ohne eine starke Frau hinter sich.”

Sie habe nur die schlechten Jahre an seiner Seite erlebt, nicht die schönen. 68 Tage nach dem Ausschluss durchs eigene Team vom Start der 93.Tour de France in Straßburg wegen dringenden Doping-Verdachts haben sie geheiratet. Es folgten „schlimme Jahre. Viele Ehen wären zerbrochen wie die der Wulffs. Aber wir haben zusammengehalten”, sagt sie – anders als die Wulffs.

Der Schuldspruch des Internationalen Sportgerichtshof, der Anfang Februar 2012 wegen Dopings alle Erfolge seit 2005 annullierte, war für Ullrich „eine Befreiung”. „Sechs Jahre hat der Rechtsstreit gedauert. Ich hatte ein Burnout, bin therapeutisch behandelt worden. Aber jetzt ist alles abgehakt. Ich habe nicht gelogen”, so Ullrich, „sondern stets gesagt und sage es noch immer: Ich habe niemanden betrogen.” Er sei in dem Sinn schuldig, weil er damals wie fast jeder leistungssteigernde Mittel genommen habe, um Chancengleichheit herzustellen. Etwa zu Lance Armstrong.

„Schluss damit”, sagt Sara und bringt Max, der bei den Piccolos des FC Münsterlingen auch Fußball spielt, zur Tennisstunde. Ullrich führt durchs Haus. Nichts deutet auf seine Sport-Vergangenheit hin. An den Wänden sind Familienbilder befestigt mit dem Brautpaar als Mittelpunkt und die Malblätter der Kinder. Auf dem Kaminsims glänzen zwei goldene Bambis und eine Bronzefigur als „World Connection Award”, die ihm einst Michail Gorbatschow überreicht hat.

In der unteren Wohnebene hängt nur die Titelseite von „L'Equipe” vom 28. Juli 1997 mit der Schlagzeile „JAN L'AS, RICHARD LE ROI” und dem Foto, wie Jan Ullrich im Gelben Trikot die Arme um den Zweiten, Richard Virenque, und den Dritten, Marco Pantani, legt. Nirgendwo ein eingerahmtes Gelbes Trikot. Alle Trikots und Trophäen sind im Weinkeller in Kisten verstaut. Ullrich packt die goldverzierte, violette Schüssel aus und stemmt sie triumphierend in die Höhe – wie damals vor 16 Jahren auf den Champs-Elysées. „Das ist die größte Trophäe des Sports und ich habe sie als einziger Deutscher gewonnen, ohne Wenn und Aber. Darauf bin ich stolz.”

 

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