Jacob Collier in der Muffathalle Der Mensch als Spieler: Jacob Collier

Ein junges Genie vieler Instrumente und Genres – und vor allem der Stimme: der Londoner Jacob Collier. Foto: PGM

Wenn Evergreens irre blühen ganz nah bei dir: Jacob Colliers fulminante Show in der Muffathalle

Erstmal einsingen und zwar mit Pfeffer. Jacob Collier springt auf die Bühne, tigert umher und lädt das Publikum an, mit ihm diverse „Oh“s zu singen, hoch und runter, kurz und lang, wie es dem Maestro gerade in den Sinn kommt. Das funktioniert beeindruckend, weil der 24- jährige Londoner mit einem Elan daherkommt, dass man sich ihm schwer entziehen kann. Als er später fragt, ob noch andere Musiker im Raum sind, gehen viele Hände hoch – die Gemeinde ist da.

Erfolgsgeschichte, bei der auch Produzentenlegende Quincy Jones mitmischte

Man könnte Collier als Musiker für Musiker bezeichnen, denn er veranstaltet die wildesten Crossover für Kenner der Materie, vom Pop in den Hip-Hop in den Free Jazz und zurück. Gleichzeitig weiß er genau, wann er den crazy hot shit stoppen und eingängige Harmonien spielen muss, damit es nicht zu arg wird: Avantgarde fließt in den Mainstream.
In seinen eigenen vier Wänden hat Collier noch im Teenageralter an seinen Cover-Versionen bekannter Stücke geschraubt, um sie im Internet zu veröffentlichen: Beginn einer Erfolgsgeschichte, bei der auch Produzentenlegende Quincy Jones mitmischte. Der entdeckte ihn 2014 und nahm ihn unter Vertrag: einen schmächtigen Jungen, der diverse Instrumente virtuos spielen kann und eine Stimme hat, die mühelos vier Oktaven umfasst.

Ein Wunder-Synthesizer, den Ben Bloomberg vom MIT Lab für ihn entwickelte

Stevie Wonders „You and I“ hat Collier zu einer A-cappella-Version arrangiert, für die er einen Grammy gewann. Seine Stimme lässt er dabei im Konzert in Tiefen rutschen, dass es bei einem selbst empathisch im Bauch zu rumoren beginnt. Alte Evergreens möbelt er mit Hilfe moderner Technik auf: Mit dem „Vokalharmonizer“, eine Art Wunder-Synthesizer, den Ben Bloomberg vom MIT Lab für ihn entwickelt hat, kann Collier jeden solo gesungen Ton mittels gleichzeitigem Tastendruck auf dem Keyboard in mehrstimmigen Gesang verwandeln. Da einzelne Melodie- und Rhythmuslinien per Loop-Technik sich endlos wiederholen lassen, war der Multiinstrumentalist Collier bislang nicht auf andere angewiesen, sondern trat als munter zwischen Instrumenten flitzende One-Man-Show auf: Hier eine Bass-, dort eine Klavier- und da drüben eine Percussion-Schleife: dazwischen Collier, der alles in Gang setzt und nach Belieben neu justiert. Solche virtuosen Einlagen hat locker drauf, aber er tourt jetzt mit einer dreiköpfigen Band, die ihm ein wenig Luft zum Atmen schenkt.

Collier ist ein Mastermind der Musik

Doch wenngleich Robin Mullarkey, Christian Euman und die portugiesische Sängerin Maro ebenfalls diverse Instrumente beherrschen und gerade Maro ein paar sehr schöne Gesangseinlagen beisteuert, gehört die Show dem Mastermind Collier. Atemberaubend, wie er aus dem weichen Burt-Bacharach-Klassiker „Close to You“ eine zwischen diverse Tonlagen und synkopierte Rhythmen durchfegende Jazz-Nummer zaubert, anfangs hart am E-Bass, später am Flügel, die Blue Notes und melodischen Einfälle nur so purzelnd, so dass das Original kaum mehr zu erkennen ist.

Wer nicht spielt, lebt verkehrt

Die Evergreens blühen bei Jacob Collier weiter und treiben die irrsten Blüten. Von seinem anvisierten Vier-Alben-Projekt „Djesse“ hat er das erste gemeinsam mit anderen Musikern eingespielt, wobei „Djesse“ eine Kunstfigur ist, die Collier als verspieltes Kind charakterisiert. Dass wir das ungezielte, für sich stehende Spielen doch immer mehr verlernen, mahnt Collier. Dabei bedeutet Spielen alles im Leben. Und gleichzeitig: nichts.
Nach dieser Devise gibt er ungehemmt seinem Spieltrieb freien Lauf, lässt die Energie fließen für ein Konzert der tausend Ideen, ohne die Kontrolle über sich und sein Publikum zu verlieren. Zuletzt ein Beatles-Medley: Am Vokalharmonizer experimentiert Collier mit „Lean on Me“, melismiert die schönsten Ornamente hin, lässt den Song in „Blackbird“ kippen, holt das Publikum wieder an Bord: als Mitsänger und Zeugen des Wunderbaren.    

 

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