Italien Skifahren zum Niederknien

Livigno - Telemarken ist kein Stil, sondern eine Notwendigkeit. Sagt David Giacomelli und fährt gleich mal vor, in eleganten Bögen, immer abwechselnd ein Knie fast bis zum Ski hinunter gebeugt. Man könnte auch sagen, Telemarken ist wie Fixie-Rad fahren: Obwohl die technischen Entwicklungen schon viel weiter sind, fährt man ein altmodisches Sportgerät. Ohne Sicherheitsbindung und mit freier Ferse das eine, ohne Gangschaltung und Bremsen das andere. Erfunden hat das Skifahren mit der freien Ferse 1868 ein Norweger aus der gleichnamigen Provinz: Telemark. David Giacomelli ist ein junger Kerl mit Vollbart, er fährt seit zehn Jahren so. Die normalen Skier nimmt er nur noch, wenn er als Skilehrer oder Trainer arbeitet. Er sagt: „Du kannst auf Telemark-Skiern viel leichter das Gleichgewicht halten, wenn du mit einem Bein in die Knie gehst.“ So weit die Theorie. Natürlich kann man in Livigno auch einfach normal Ski fahren. Sonntags, am ersten Skitag der Wochengäste, organisiert Fabio Giacomelli eine Pistensafari zur Orientierung.

 

Livignos Pisten sind weit und nicht besonders steil, sie liegen zumeist über der Waldgrenze, man sieht vom Ortler bis zur Bernina. Fabio ist Hotelmanager, der Vater von David und Mitglied einer vielköpfigen Familie. Das „Imperium der Giacomellis“, wie eine lokale Zeitung schreibt, betreibt vier Hotels, einen Agriturismo und diverse Edelboutiquen. Und in Livigno kann, wer das will, ein Pkw-Fahrtraining auf Schnee machen, im Auto mit angezogener Handbremse, schleudernd in den Kurven. Oder, was so ziemlich das Gegenteil ist, zu einer Schneeschuhtour aufbrechen. Geführt von Matteo - Giacomelli. Eine kleine Familiengeschichte: Emilio Giacomelli, der älteste von 13 Geschwistern, heiratete Domenia, eine von elf Geschwistern. 1962 eröffneten sie das Hotel Concordia mitten im Ort.

Zollfreier Einkauf ist ein starkes Argument

Mamma führt das Hotel und bringt sieben Kinder auf die Welt, Papa Emilio baut die Firma aus, gründet auch eine Baufirma. Weitere Hotels kommen dazu, darunter das luxuriöseste im Ort, das Lac Salin, ein Sportgeschäft, Boutiquen. Seit Napoleons Zeiten ist das abgelegene Tal zollfreies Gebiet. Eben weil es so abgeschieden liegt, bekam das Hochtal 1805 diesen Status verliehen, um Anreize für die Besiedelung zu schaffen. Noch bis 1951 war Livigno oft ein halbes Jahr von der Außenwelt abgeschnitten. Heute säumen Parfümerien, Schnapsshops und Boutiquen die Fußgängerzone. Zollfreier Einkauf ist ein starkes Argument, auf 6000 Einwohner kommen 1,3 Millionen Übernachtungen in rund 15 000 Gästebetten.

Deutsche Besucher stehen im Winter an zweiter Stelle, Polen stellen die Mehrzahl der Ausländer dar, an dritter Stelle gefolgt von Belgiern. Im Sommer hingegen reisen über drei Viertel Italiener an. Die Giacomellis vergrößerten also die Familie und die Firma. „Wir waren immer in Hemdsärmeln, an jedem freien Tag, schon als Jugendliche,“ erinnert sich Fabio, der Hotelmanager. „Wir mussten immer fleißig sein.“ Als er und seine Geschwister erwachsen waren, wurde das Erbe nicht aufgeteilt, sondern unter der Dachmarke „Lungolivigno“ zusammengehalten. Nun also eine Schneeschuhtour mit Matteo, der einmal in der Woche Gäste ins Val Fedaria führt. Seine Schwester Lelia, Juristin in Mailand und fürs Lungolivigno-Marketing zuständig, ist zu Besuch und schließt sich an. Einsam zieht die Gruppe am Hang entlang, vorbei an einer Kirche mit barocker Haube, an tief verschneiten Höfen, kein Rauch, keine Menschen, das Seitental ist im Winter praktisch unbewohnt.

Eine schwarz-weiße Wanderung, durch Schnee und vorbei an von der Sonne geschwärztem Holz. Am Talausgang wartet das rustikale La Calcheira, das unbekannte italo-alpine Tellergerichte wie Sciatt und Manfrigola, Fettgebäck und Crêpes mit Bitto-Käse gefüllt, Slinzega und Bresaola, mit Salz und Gewürzen eingeriebenes Pökelfleisch serviert. Matteo und Lelia kabbeln sich freundschaftlich, die Geschwister scheinen einander gewogen zu sein, trotz der wachsenden Geschäftszweige. Skifahrer sollten unbedingt mal zum Free-Heel-Fest kommen, sagt Matteo beim Erba Iva, dem lokalen Kräuterschnaps aus Moschus-Schafgarbe. Dann sei ganz Livigno mit losen Fersen auf den Beinen.

Alles lernen, was bisher gelernt wurde

Es gibt Touren, Kurse für Anfänger, Pasta-Abende, eine 70er-Jahre-Party und im Val Fedaria eine enogastronomische Wanderung, in jedem Heustadel werden Häppchen und Schnäpschen gereicht. Wer also wissen will, wie das funktioniert mit dem Telemarken, geht mit David auf die Piste, die gar nicht so flach erscheint. Es gilt alles zu vergessen, was der Körper in vielen Jahren Skifahren gelernt hat. Die Bergschulter soll nach hinten, und bei jeder Kurve schiebt sich der Fuß mit dem Talski nach vorn, das Bergknie wird zum Ski gedrückt, die Ferse löst sich nach oben. Ein interessantes Gefühl, wieder Anfänger zu sein. Mit wackligem Rumeiern stellt sich der Eindruck ein, ganz tief in die Knie gegangen zu sein. Der Skilehrer sagt: „Du fährst fast aufrecht.“ David behauptet, in Livigno würden schon 80 Prozent telemarken. Warum steigen die Einheimischen um auf die instabilen Bretter?

David sagt, vielleicht wollten sie einfach mal was Neues ausprobieren, wenn man so lange und viel Ski gefahren ist. „Und mit Telemark kannst du überall hin, auf die Piste, ins Gelände, mit Fellen dran auch bergauf.“ Und wenn du es gut kannst, sagt David, „dann ist es wie tanzen“. Noch einmal erklärt er: Talski nach vorn, Bergbein beugen! Und dann macht es klick. Im Kopf, nicht in den Gelenken. Es funktioniert, mal das linke Knie nach unten, mal das rechte, gefühlt sind das ein paar sehr schöne Kurven. David wartet geduldig, schaut sich die drei, vier Kurven an und sagt: „Ja, ich weiß, am Anfang ist es wirklich schwer.“

 

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