Italien Cinecittà: Roms Hollywood

Rom - Es ist eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte: Jener Moment, wo sich Marcello Mastroianni und Anita Eckberg in „La Dolce Vita“ im Wasser der Fontana di Trevi gegenüberstehen. Er im schwarzen Anzug, sie im tief dekolletierten, langen Gewand, über ihnen der steinerne Neptun, daneben die galoppierenden Seepferde. Mit wallender blonder Mähne raunt sie ihm zu: „Komm, Marcello, komm!“ Wer die Szene gesehen hat, vergisst sie nicht. Und möchte, wenn er in Rom ist, den Schauplatz in Augenschein nehmen. Kein Wunder also, dass Roms bekanntester Brunnen täglich von Zigtausenden von Touristen belagert wird.

 

Dabei entstand ein Großteil des Films gar nicht im historischen Zentrums Roms, sondern in der Cinecittà. „Selbst der Trevi-Brunnen wurde hier nachgebaut“, erklärt Giuseppe Basso, Direktor der römischen Traum­fabrik. Ohne sie wären Fellinis Werke überhaupt nicht denkbar. Ob „Roma“, „Casanova“ oder „Die Stadt der Frauen“ - der Kultregisseur brauchte die kreative Atmosphäre der Studios. Vor allem des Teatro No. 5, das zu den größten Europas gehört. Hier wurde nach seinem Tod sogar sein Sarg aufgebahrt. 1937 eröffnet, hat nicht nur Fellini das Hollywood am Tiber als Drehort genutzt. Fast alle großen Namen des italienischen Kinos, von Rossellini und Vittorio de Sica über Pasolini und Visconti bis Michelangelo Antonioni haben hier gearbeitet, außerdem entstanden amerikanische Produktionen wie „Cleopatra“ mit Liz Taylor oder Terry Gilliams „Abenteuer des Baron von Münchhausen“. Kürzlich nutzte auch Woody Allen die Infrastruktur für die Post Production seines neuesten Werks „To Rome with Love“. „Cinecittà ist ein Symbol der Filmgeschichte, aus dem Meisterwerke hervorgegangen sind“, ist der New Yorker Stadtneurotiker überzeugt.

„Es fehlen eben auch die großen italienischen Regisseure“

Ihre Existenz verdankt sie allerdings dem Faschismus. Nachdem die „Cines“, die Vorgänger-Studios, in Flammen aufgegangen sind, lässt Mussolini 1936 die neue Filmstadt errichten, um hier nach deutschem Vorbild Propagandafilme zu drehen. Es entstehen Monumentalproduktionen, die das Reich der Antike beschwören und später Vorbild für ähnlich gigantische amerikanische Produktionen wie „Quo Vadis“ werden. Doch 1943 wird die Cinecittà von den Alliierten bombardiert, die Deutschen nehmen Teile der Ausrüstung mit, anderes wird zerstört. Erst später werden die Studios wieder aufgebaut. Während sich die italienischen Regisseure dem Neorealismus verschreiben und in Streifen wie „Bellissima“ mit Anna Magnani die krude Realität des Nachkriegsitaliens einfangen, nutzen ihre Kollegen aus Übersee die Studios für Monumentalproduktionen wie „Ben Hur“ mit mehr als 10 000 Statisten. Alle möglichen großen Namen gehen während der goldenen Ära der Cinecittà an der Via Tus­colana 1055 ein und aus - von Ava Gardner über Liz Taylor bis Jane Fonda. Doch gibt es auch immer wieder Krisen. Als Ende der 60er Jahre der Schuldenberg auf 13 Milliarden Lire anwächst, bringt das Fernsehen die Rettung. Auch heute sichern hauptsächlich TV-Produktionen und Werbefilme den Etat. „Es fehlen eben auch die großen italienischen Regisseure“, gibt Giuseppe Basso zu bedenken. Wobei das Know-how und die moderne Technik zwischendurch der einen oder anderen Großproduktion wie „Der Name der Rose“ zugutekommen.

Mittlerweile wurden hier 3000 Filme gemacht, rund 50 mit einem Oscar ausgezeichnet. Nun ist die Cinecittà erneut in ihrer Existenz infrage gestellt. Nicht allein, dass es kürzlich in Fellinis legendärem Studio 5 gebrannt hat. Im Juli machten ein Streik der inzwischen stark reduzierten Belegschaft und diverser prominenter Filmschaffender darauf aufmerksam, dass den defizitären Studios die Zerschlagung droht - auf dem 40 Hektar großen Gelände könnte ein Luxusresort mit Swimmingpools entstehen. In jedem Fall sollten sich Filmfans beeilen, wenn sie die Cinecittà in ihrer jetzigen Form in Augenschein nehmen wollen. Besucher können sich (noch) durch das Gelände mit den 21 Studios führen lassen, von einem Stück Broadway ins mittelalterliche Assisi schlendern und durchs antike Rom mit intakten Tempeln, Triumphbogen und Via Appia schreiten. Und schließlich sind da noch der schwarze Hut und der rote Schal, die Markenzeichen Fellinis waren - nirgendwo kommt man ihm so nahe wie in der römischen Traumfabrik.

 

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