Italien Capri-Wonne auf der Insel

Capri - Alice Irmgard Faehndrich Freiin von Nordeck zur Rabenau war ratlos: Das Gartenhaus ihrer Villa mit traumhaftem Meerblick hatte sie dem jungen Dichter herrichten und ihm eigens ein Stehpult maßschreinern lassen. Doch nun nörgelte die Edelfeder: „Diese Ausflügler, endlos ihr Strom und ewig lärmend!“ Einige Hundert waren es und lösten im Jahre 1907 offenbar akute Wortfindungsstörungen bei Rainer Maria Rilke aus.

 

Heute brächte Rilke auf Capri wohl keine Zeile zu Papier, angesichts von bis zu 18 000 Touristen pro Tag. Ausgespuckt von Fähren, dann wie auf einem Fließband per Standseilbahn hochbefördert, verklumpen sie auf Capris nicht mal bolzplatzgroßer Piazzetta spätestens ab 10 Uhr zu Menschenhäufchen rund um Winkewinke-Fähnchen und dazugehörige Reiseleiter. Also am besten schon zeitig einen Vorsprung herausschlendern - den Spuren deutscher Promis folgend.

Eine Insel mit hoher Promidichte: Von Greta Garbo bis Bill Gates

Schnell hinab durch die Via Vittorio Emmanuele. Heute ein Edelboutiquen-Wind­kanal, hieß sie zu Rilkes Zeiten „Via Hohenzollern“. Eine Verneigung vor den adligen deutschen Inselbesuchern und etwa 100 teutonischen Dauergästen. Einer davon gönnte sich hier um 1900 so eine Art „Schöner-wohnen-Abo“: Eine Vierzimmersuite im heute noch imposanten Luxus-Grandhotel Quisisana am Ende des „Hohenzollern-Wegs“ mietete Friedrich Alfred Krupp gleich für mehrere Monate. Der Enkel von Firmengründer Friedrich Krupp wollte möglichst oft raus aus seinem grauen Essener Kontoralltag. Naturforscher hatte Krupp werden wollen, doch sein Vater versuchte, aus dem introvertierten Friedrich Alfred einen „Kanonenbaron“ in dritter Generation zu schmieden. Der aber stahl sich aus der Stahldynastie fort mit 100 000 Goldmark und steckte sie ins erste Meeresinstitut der Welt bei Neapel. Für Krupp die Eintrittskarte in seine Traumwelt: Rund um Capri tauchte und forschte er, entdeckte dabei 27 bis dato unbekannte Kleinstlebewesen, darunter die Larve des Aals.

Einen gut 1,3 Kilometer langen Aal hat er der Insel bis heute hinterlassen, steinern und begehbar: Die Via Krupp, vielleicht der schönste Serpentinenweg der Welt, hineingehauen in den steil abfallenden Kalkfelsen Monte Castiglione. Nach jahrelanger Renovierung nun wieder geöffnet, fasziniert er alle „Bergab-Steiger“. Der Erbauer hingegen hatte nur eines im Sinn: Schneller bei Maja und Puritan sein - seinen beiden Forschungsschiffen unten im „Marina Piccola“. Darin planschte damals übrigens auch vergnügt und weltvergessen Dichter Gerhard Hauptmann. Die Marina ist heute noch ein Mini-Hafen, oft mit Maxi-Promidichte: In den Fünfzigern und Sechzigern schipperte Onassis herein, mit Greta Garbo, Maria Callas oder Jackie Kennedy im Arm. Heute legt schon mal Rod Stewart, Elton John oder Bill Gates hier an - weitgehend unbehelligt, denn Tagestouristen-Invasionen sind hier selten - zu beschwerlich ist für sie der Rückweg über die Via Krupp nach oben. Ebenso wie der lange Marsch ans Inselende zu den Faraglioni, dem Postkartensymbol Capris.

In der Boutique Emilio wurde die erste Capriohose verkauft

Dabei ist die dorthin führende Via Tragara ein Laufsteg der Überraschungen: Haus Nr. 7a etwa, die „Deutsche Evangelische Kirche“. Gegründet von einem Frankfurter Bürgerverein, der deutschen Capri-Besuchern in der Kaiserzeit sogenannte Kurprediger hinterherschickte. Einige Übereifrige schufen damals gar einen „Verschönerungsverein“. Doch die satt-saftigen Paradiesgärten rechts der Via Tragara - mal gepflegt, mal wild wuchernd - kein deutscher Schrebergärtner hat sie mit Jägerzäunen arrondiert. Die Terrassen dazwischen haben zwar Hollywood-Horizontblick aufs azurblaue Meer, aber weder Hollywoodschaukel noch Holzkohlegrill. Und links, meist oberhalb der schmalen Via: säulenumrahmte Prunkvillen, mal elegant weiß, mal lässig verwittert. In einer davon, dem Palazzo Nuovo, deutschtümelte es heftig: Der Hamburger Maler Christian Wilhelm Allers lud an Kaisers Geburtstag zum „Germania-Mahl“ mit Aalsuppe, Bismarckschnitzel und Roter Grütze sowie anschließendem Herrenkegeln im Garten.

Heute jedoch ist hier kulinarisch alles Italia pur: Zitronenrisotto im La Certosella (Via Tragara 15), unübertroffen bei Kerzenscheinromantik an lauen Sommerabenden. Nur für Schwindelfreie: Die „Schauderterrasse“ im Nobelrestaurant Terrazza Brunella (Via Tragara 24a), weit übers Kliff hinausragend, der ideale Ort für „Linguine ai tre colori“- Bandnudeln mit Auberginen, Zucchini und gelbem Paprika. Kein Appetit? Dann immer den „O sole mio“-Klängen folgen. Sie kommen am Ende der Via Tragara aus einem grünen Kiosk, dekoriert mit Zitronen und Apfelsinen. Darin trällert Maria die Titelzeile des Kultschlagers alle paar Sekunden wie einen Klingelton und schenkt frisch gepressten Orangensaft aus. Verklumpt mit Eis in einem Schnapsglas schmeckt er genau wie „Capri“-Eis aus Jugendtagen, ist allerdings nur halb so groß und dreimal so teuer. Gleich gegenüber ist alles gratis: „Belvedere di Tragara“ - der schönste Blick über die mit Pinien, Ginster, Lorbeer, Zypressen und Kiefern zugewucherten Kalkfelsen sowie auf die Faraglioni, Capris „Felsen-Drillinge“ im Meer. Die sind eine grandiose Kulisse für zwei Felsen-Badestrände mit angedockten Restaurants: Da Luigi und das etwas vornehmere La Fontelina. Nur einem hat es hier nicht gefallen: „Verfluchte blaue Limonade“, schimpfte Dichter Bert Brecht 1924 mit Blick aufs Meer, ließ Frau und Kind auf Capri sitzen und flüchtete nach Neapel.

Nachmittags kann man sich zurückwagen ins Dorf Capri. Viele Tagestouristen, längst auf dem Rückweg zum Festland, haben nun in der Via Camerelle die Schaufensterbelagerung aufgegeben. Hier, in der Boutique Emilio, wurde sie vor über 60 Jahren erstmals verkauft, die Caprihose. Emilio Pucci, ein Capreser Modeschöpfer, hatte sie sich abgeguckt bei ihrer deutschen Erfinderin Sonja Lennart - und konnte bald die Damenwelt damit begeistern.

 

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