Island Von wegen auf Trab

Reykjavik - Frodo, der faule Kerl. Keinen Zentimeter bewegt er sich. Er kommt nicht von der Stelle. Da hilft nichts. Kein Schnalzen, ihn mit den Fußfersen antreiben. Nein, da bewegt sich nichts. Dabei hat es so schön angefangen. Auf dem Hof von Hilmar J. Kristinsson, nur zehn Autominuten von Reykjavíks Zen­trum entfernt, kann man Ausritte unternehmen. Auf Islandpferden, die man ja nicht Pony nennen sollte. Den Tieren macht das nichts. Den Pferdenarren aber. Die finden, dass die Isländer keine Ponys sind, obwohl sie kleiner als normale Pferde, aber eben doch nicht ganz so klein und handlich wie Ponys sind.

 

Es war Liebe auf den ersten Blick: Frodo mit seiner weißen Blesse, dem Struwwelhaar. Netter Typ. Macht den Anfang, in dem er sich seine Reiterin aussucht. Snorri Victor Gylfasson, der Guide, zeigt, wie man das Geschirr anlegt. Hübsch die Zähne auseinander, etwas angesabbert - und fertig. Island ist ein Traumland. Es ist eine Vulkaninsel hoch im Norden, auf der die Menschen dicke Wollpullis tragen und alle musizieren. Ein Land, in dem die Naturgewalten wüten, in dem Vulkane ausbrechen, wie es ihnen passt, es auch mal aus dem Boden dampft, ein Strandabschnitt geothermal beheizt wird, so dass man im Meer baden kann. Als das ZDF noch Kinder-Weihnachtsserien produzierte, lief auch die Serie „Nonni und Manni“. Mit dem Untertitel: „Die Jungen der Feuerinsel“, die auf Islandpferden immer dasselbe erlebten. Es war ein Jahr nach „Anna“. 1988. Alle Mädchen wollten ins Ballett, und jetzt auch noch ein Islandpferd. Die Landschaft ist heute eine andere als damals auf dem Fernsehschirm. Das Lava­gestein ist rot, wie es sonst nur auf dem Mars sei, sagt Snorri. Etwas schwarzer Vulkansand liegt zerstreut dazwischen. Bei „Nonni und Manni“ war alles grün, grasgrün. Sogar die Häuschen waren bewachsen. Keine Baumärkte, die man zuvor auf der Fahrt raus aus Reykjavík, dem Hauptstädtchen mit nur 120 000 Einwohnern, gesehen hat. Die Pferde, diese gutmütigen Tiere, sind gleich geblieben.

Auf Island leben etwas mehr 70 000 der Tiere

Auch wenn sie nicht mit einem Pfeifen und einem Seil gefangen werden, wie sie es damals in der Serie „Nonni und Manni“ gemacht haben. Die Landschaft ist dennoch beeindruckend. Ein paar Hügel, viel Moos, das mal grau oder auch grün ist. Dazwischen leuchtet pinkfarben der Thymian. Bäume aber gibt es nicht viele. Man denkt an den Witz, den man sich hier gerne erzählt: „Was macht ein Isländer, wenn er sich im Wald verlaufen hat? Er steht auf.“ Auf Island leben etwas mehr 70 000 der Tiere. Sie sind das Wahrzeichen. Ähnlich wie der Walfang - nur in putzig. Die Islandpferde, die vor über 1000 Jahren von den Wikingern nach Island gebracht wurden, entwickelten den Tölt, die fünfte Gangart neben Rennpass, weil die Vulkaninsel so uneben ist. Bis in die 30er Jahre waren die Pferde aber vor allem Lastentiere. Heute sind sie Zucht- und Sporttiere. Islandpferdereiten ist eine Sportart, die durchaus ernst zu nehmen ist. Das erkennt man zum Beispiel auf dem Landsmót. Es ist Islands größtes Reitturnier. Auch viele Deutsche planen ihren Urlaub passend zu dieser Zeit.

In einer Woche gehen mehr als 1000 Pferde an den Start. Es geht um Aussehen und Anmut, um Kraft und Ausstrahlung, um den großen Töltpreis. Aber auch um Geld. Bei diesem Reitturnier werden um die zehn Millionen Euro umgesetzt. Den Isländern sind ihre Pferde lieb und teuer. Und weil die älteste Rasse der Welt so geschützt sein soll, dürfen Islandpferde, die einmal die Insel verlassen haben, nie wieder zurück. Für die Menschen hier sind es „die besten Pferde der Welt“. Klar. Das sagt auch Landsmòt-Vorstandsmitglied Gudjon Magnusson, der das 5-Gang-Pferd mit einem Sportauto vergleicht, so „kompakt“ und „schnell“ seien sie. Islandpferde sind nicht aggressiv, wenig schreckhaft und robuste Haltung im Freien gewohnt. Frauke Schenzel ist die einzige Ausländerin, die hier auf dem Landsmót antritt. Die 26-Jährige­ könnte mit ihrer Stupsnase und dem blonden Haar glatt als Isländerin durchgehen. Sie ist ein Star unter den deutschen Reiterinnen.

Mit drei Jahren begann Frauke zu voltigieren

Ihre Eltern haben vor 35 Jahren einen Pferdehof in der Nähe von Lüneburg aufgebaut und sich auf Isländer spezialisiert. Mit drei Jahren begann Frauke zu voltigieren. Jetzt ist sie im Mutterland der Islandpferde. Sie kommt regelmäßig zu Besuch. Wie so viele­ andere Deutsche. Schließlich gibt es die größte Population von Islandpferden außerhalb­ Islands in Deutschland, die mit Ende­ der 1950er auf das Festland kamen. Dann wurden sie die Stars der „Immenhof“-Filme, die wohl irgendetwas mit Romantik und Sehnsüchten der Deutschen zu tun haben. Zurück auf Island: Was in Deutschland die Radwege sind, sind in Island die Reitpfade, die man für diese robusten Tiere eigentlich gar nicht braucht. Sie reiten überallhin. Auch mit missgelaunten Touristen. Irgendwann war klar, dass es mit Frodo und seiner Reiterin nichts wird. Das war nach viel Schweiß und Fast-Tränen unverkennbar. Sogar der Guide sah das ein, als er selbst versuchte, Frodo zu bewegen.

Was mit dem Gaul los war? „Das ist der freie Wille der Tiere“, sagt Snorri. „Er hat einfach keine Lust.“ Eingetauscht wurde er gegen Fótur, was so viel wie Fuß heißt. Der Ausritt ist rasant. Und toll. Die Landschaft zieht vorbei, als hätte man mit einem Pinsel die Farben ineinander verwischt. Schon wenige Sekunden nach dem Abstieg vom Pferd spürt man Muskeln, von denen man zuvor nicht wusste, dass man sie besitzt. Seinen Namen hat Fótur bekommen, weil er als junger Kerl eine Fußverletzung hatte. Heute merkt man das nur im Tölt. Der Reiter wird kräftig durchgeschüttelt. Kein bisschen elegant sieht das aus, wie man es gewohnt ist. Aber hey: Er geht voran.

 

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